Wie alles begann…

Ganz einfach, es begann mit den Schreckensmeldungen aus China Mitte Februar. Mein 13-jähriger Sohn Cristo zeigte mir begeistert auf youtube, wie atemberaubend schnell die Chinesen im Krankenhausbauen waren. Zeig mal, zeig mal, schrie Nico hüpfend, um auch das Video sehen zu können. Videos und Bildschirme sind auch für unsere Kinder ein (von mir meist verhasstes) Lebenselixir. Aha, sagte ich kopfschüttelnd und nichtsahnend. Gestapelte Container, um die herum eine Schutzmauer gebaut wird. Die spinnen mal wieder, seufzte ich verächtlich, die armen Kranken werden ja eingemauert! Na ja, fügte mein Mann, Mediziner hinzu, dieses Virus ist hoch infektiös. Dann kam die Story von den verspeisten Fledermäusen und ich hob kritisch die Augenbrauen. Aha, die Fledermauskrankheit also. Diese sollte jedoch nicht nur mein quasi unbedeutendes Familienleben, sondern auch das gesamte öffentliche Leben meines Mutterlandes Frankreich, das meines Heimatlandes Deutschland, das Europas und schlicht der ganzen Welt noch monatelang in Atem halten.

Italien war schon während viele ihren Skiurlaub in Südtirol Alto Adigo verbrachten, am Rande seiner medizinischen Kapazitäten. Cristo war bedröppelt, weil er zum ersten Mal keinen Skiurlaub hatte. Wir standen beide vor einem beruflichen Wechsel und wollten daher die Bälle flach halten. Pah, ich wollte eh nicht Skifahren, gab Nico laut an, ohne dass wir es ihm richtig abnahmen. Wir hatten daher in den Faschingsferien einiges Schönes gemeinsam unternommen. Gemeinsames Spielen draußen, allemanische Fasnet in Offenburg mit der Familie, Kino, Besuch des ebenfalls 13-jährigen Cousins Fabrice, um seine GFS in Französisch vorzubereiten. Alles ganz normale Dinge, die etwas später zu unseren kühnsten Träumen gehören sollten.

Am vorletzten Ferientag fuhren wir mit Alessio, einem italienischen Physikstudenten, nach Colmar, weil er und mein sportfanatischer Mann an einem 2000 Personen Lauf mitmachen wollten. Du hast ihn schon gefragt, ob er kürzlich in Italien war, oder? Mein Mann, ein Menschenfreund, kratzte sich am Kopf und brummte: „Und wie soll ich das formulieren?“ Ich war für eine humorvolle Verbalverpackung, er für eine eher förmliche. Nun denn. Alessio war vor 3 Wochen in Italien, also alles prima. Zu fünft stiegen wir in den VW-Bus. Am 1. März waren Cristo und Nico widerwillig mit mit in den Gottesdienst in der cathédrale St. Nicolas gegangen,während mein Mann die lieblichen Weinberge unter der blassen Frühlingssonne hoch und runter rannte. Dort war schon die Benutzung von Weihwasser und der Friedensgruß untersagt… in der Kirche… Und noch bevor wir essen gingen, mit allen anderen Sportlern und deren Familienfanclubs, fragte ich mich natürlich, ob das nicht doch eher keine gute Idee war. Mein Mann kam, wie er es gerne tut, mit Fakten: Aber hier ist kein Risikogebiet! Sonst wäre alles schon dicht und sie hätten den Lauf abgesagt… Um Ärger zu vermeiden und ihm die Laune nach seiner sportlichen Leistung nicht zu verderben, ließ ich mal meine Bedenken ruhen. Ein Fehler?

Wir machten noch unsere üblichen Käsevorräte im Elsass und fuhren heim. Am Mittwoch rief mich mein Mann in der Pause an, soeben wurde der Oberrhein als Risikogebiet ausgewiesen, ich müsse dringend zum Sekretariat, um alles zu klären. Meine Kollegin kam in die Klasse, löste mich ab und ich ging, unruhig, die Treppen hinauf. Nach einigen Anrufen im Gesundheitsamt wurden unsre letzten Zweifel aus dem Weg geräumt. Der Schulleiter brachte mir meinen Nico, ich rief bei der Schule meines Großen an und so ging alles seinen Gang… Nach Hause. Wir sollten in „Isolation“. Der Schulleiter scherzte noch, wie man nur ins Elsass reisen wollen konnte.

Zu Hause begann ich mit dem Kochen. Keine Kantine würde uns nunmehr versorgen. Zügellose Freude bei den Kindern: bis wann müssen wir nicht in die Schule? Wow, bis Freitag! Cool! Der Jüngere kramte nach dem Essen sofort in der Verkleidungskiste, zog Lockenperrücke, Federhut, die silbern glänzende Rockerhose und die selbstausgesägte und bemalte E-Gitarre raus und rockte schreiend, nein, singend durchs Esszimmer! Dabei schaute er sich immer wieder hochzufrieden im Spiegel an, machte headbanging, bis die Perrücke vom Kopf fiel und ahmte quietschend die E-Gitarre nach. Party! Keine Schule! Ich versuchte schon seit Anfang seines Schülerdaseins mir zu sagen, dass er irgendwo in seinem Herzen vielleicht doch die Schule mögen würde… aber diese wilde Show ließ meine Hoffnung weiter sinken. Es ist so, wie es nunmal ist… Dann fragte ich nochmal bei meinem Mann nach, der mit dem Gesundheitsamt telefoniert hatte, was unsere Isolation genau bedeute… Raus dürften wir, aber 2m Abstand zu Mitmenschen halten. Aha. Der Frühling und somit kamen die ersten sonnigen Tage, nach denen wir uns doch so gesehnt hatten. „Mama, darf ich raus?“ Nachdenken. „Mama, darf ich raus?“. Zögern. Schrei:“Mama!“ Öh, du musst unbedingt draußen bleiben, zu keinem nach Hause, niemandem nah kommen und niemanden anfassen. Ich will nur ein bisschen mit dem Fahrrad fahren. Ok. Das geht. Eine nette Nachbarin, der ich von unserer Isolation berichtet hatte, schickte mir alsbald eine Nachricht „Du weißt schon, dass Nico gerade mit einer Horde Kinder Basketball spielt?“ Ich zuckte zusammen. Wusste nicht, was ich antworten sollte. So ein Mist! Wenn das so weiter ging, würden wir durch unsere nette Nachbarschafts-whatsup-Gruppe innerhalb kürzester Zeit die unverantwortlichen Corona-Schweine der Nation (naja oder Nachbarschaft) sein! Cristo, hol‘ sofort deinen Bruder! Warum nicht du? Entgegnete er mir. Ich schämte mich aber. Meine Nachbarin rief mich gleich an, ich konnte auch nicht ran. Ich hatte ein schlechtes Gewissen. Auch wenn ich gar nicht wusste, ob er letztlich den anderen Kindern doch nicht nah gekommen war. Später kam meine Nachbarin sogar zerknirscht vorbei und entschuldigte sich. Mir tat es mindestens genauso leid. Und es war gut, dass sie trotzdem gekommen war. Diese komische lauwarme Regelung „Isolation“ ist zwar insofern gut, dass man raus darf, aber mit Kindern doch so schwer zu händeln. Mein Sohn hatte sich so auf die Nachbarschaftsfreunde gefreut! So war es nun eben. Zum Kindergeburtstag am Sonntag würde er auch nicht gehen können….

Nico und Cristo versuchte ich weiß zu machen, dass sie sowohl am Donnerstag als auch am Freitag Schule haben würden, wenn auch von zu Hause. Nico baute sich sogleich vor mir auf, drohte mit dem erhobenen Zeigefinger und posaunte ein dröhnendes „Nein!“, das immer lauter wurde, je häufiger ich mit meinem penetranten „Doch! “ konterte. Auf den nächsten Morgen freute ich mich mittelmäßig. Nicos fröhlich jauchzende „Juchu, Ferien !“ hallte in meinem Ohr noch stundenlang nach. Als ich am nächsten Tag vor die Tür ging, um einzukaufen, stand eine andere Nachbarin da und fragte, ob ich überhaupt raus dürfe. Ich stutzte und erklärte mich. Verrückt, dachte ich. Jetzt muss ich mich schon rechtfertigen, wenn ich nur mein Haus verlasse. Sie sagte mit freudiger Stimme auch, dass es ja besser sei, wir bekämen es alle schnell, nach dem Motto : Augen zu und durch! Wenn es eben leider nicht so tragisch für die Schwächeren unserer Gesellschaft wäre. Hm. Von dieser Seite hatte ich es noch nicht betrachtet. Sie war mir immer wieder um eine Länge voraus, die Anette. Irgendwie stimmte es schon. Wir Gesunden mussten uns zumindest um uns und unsere gesunden Familienmitglieder keine Gedanken machen. Das war schon so etwas wie eine hoffnungstragende Gewissheit. Außerdem war ich dem fiesen Virus dankbar, dass er die Kinder verschonte! Welch wunderbare Nachricht, die ich zwar naturwissenschaftlich noch überhaupt nicht verstand, mich aber grundsätzlich sehr dankbar stimmte! Seien wir ehrlich, wenn jetzt schon hunderte Kinder reanimiert werden würden, könnte ich das nicht verkraften.

Komischer Weise musste mein Mann als Arzt, obwohl er im Risikogebiet war, weiterarbeiten. Auf einer Station mit schwerbehinderten Menschen. Ich schüttelte wieder den Kopf und seufzte. Da beißt sich tatsächlich die Katze in den Schwanz. Die Entscheidungsträger tun auch nur, was sie können, aber es passt trotzdem hinten und vorn nicht zusammen. In den Medien berichtete man von einzelnen Schulschließungen, dann ging der Schulbetrieb in einer Heidelberger Schule, trotz Corona-Fälle weiter, andere wurden schon vorsorglich ohne Fälle geschlossen. Ich stellte mir Fragen über Sinn und Unsinn von Föderalismus, den ich sonst schätzte. Bayern beschloss, die Schulen zu schließen, das Saarland auch… Ich hing am Radio und wartete auf Baden-Württemberg! Erst Freitagnachmittag, als alle Schüler schon keinen Unterricht mehr hatten, kam die offizielle Meldung. Meine Schulleitung hatte ich vorsorglich darum gebeten, dass alle Kinder ihre Unterrichtsmaterialien mit nach Hause nehmen. Letztlich haben es alle Lehrer so gehandhabt, was gut war. Dankbar war ich wirklich über eine Mutter, mit der ich am Wochenende intensiven Kontakt hatte, um mich in online-Plattformen und Kommunikationstools einzuführen. Mir eröffneten sich neue Möglichkeiten, Fernunterricht zu halten. Ich war ganz begeistert! Das war eine persönliche intensiv-Fortbildung, von der ich nicht zu träumen gewagt hatte. Genial! Wie bereichernd, wenn der Kontakt zwischen Eltern und Lehrern so effizient im Sinne der Schüler und des Unterrichts laufen kann ! Am Montag kamen sieben Schüler in meine Klasse. Vorher hatte mich eine Mutter gefragt, ob es sich für die Schüler noch lohne, Montag zu kommen. Ich war überrascht und auch wieder nicht über die Frage, denn die Schulleitung hatte in ihrer Mail erklärt, dass es keine Pflicht mehr sei. So hatten es viele aus infektiologischen Gründen gehandhabt, um sich den Hals aus der Schlinge zu ziehen.

Während am Wochenende die Kinder gutgelaunt, heiter und laut ihrer Euphorie freien Lauf ließen, herrschte in meinem Kopf ein heißes Gewirbel, wie ich den Schülern am Montag begegnen würde. Sicher war, dass ich mich freute, nach meiner Isolation, sie vor der langen Schulschließungszeit wieder zu sehen. Wenn auch nicht einmal die Hälfte, wie mir schon über die Mama der Schülerin, die es von der Whatsup-Gruppe wusste, angekündigt wurde. Ich freute mich ehrlich gesagt auch, dass ich dank diese Mutter einen ganz neuen Einblick in die digitale Welt bekommen würde. Baden-Württemberg war in Sachen Digitalisierung der Schulen auch eher das Schlusslicht, was mich bis dato nicht sonderlich gestört hatte. Ich schrieb sehr gern mit der Kreide an die Tafel und sah den Kindern gerne zu, wie sie mit leidenschaftlichem Eifer ihren heiß begehrten Tafeldienst ableisteten. Während des Wochenendes kam noch etwas anderes dazu, das für Unruhe sorgte: Der „Nachbarschaftschat“ namens „Nachbarschaftshilfe“. Er entstand, weil manche Nachbarn in einem gewöhnlichen und netten „Nachbarschaftschat“ zu häufig zu aufwirbelnde Nachrichten zu Corona posteten. Und dieser lief heiß! Ich schaute erst neugierig auf die Neuigkeiten, überrascht, schockiert, interessiert, schließlich blasiert… dann selektierte ich, was ich lesen wollte, da es immer mehr wurde und ich das Gefühl bekam, dass man sich im Nachbarschaftswissen fast zu überbieten versuchte. Wer zitiert irgendwen und wer zitiert das RKI? Auf mutmachende, Panik dämpfende Nachrichten ging keiner ein. Dafür umso mehr auf aufrührende, beängstigende News. Die sich dann doch teilweise um Fakenews herausstellen! Als es mir auch mal passierte, wusste ich, dass das alles in die falsche Richtung ging und kündigte an, dass ich mich fortan zurückhalten würde.

Am Montagmorgen begrüßte mich eine Schülermama mit Tränen in den Augen, und sie ging rasch wieder. Wie gut, dass ich nochmal die Gelegenheit bekam, nochmal mit manchen Kindern zu sprechen. Die SchülerInnen schienen sehr gut informiert, doch als ich ihnen eröffnete: „So eine Schulschließung ist etwas sehr außergewöhnliches. Das habe ich in meinem Leben noch nie erlebt.“, fiel ihnen allesamt die Kinnlade runter und sie brabbelten nur noch fast ungläubig „Echt?“ Als wir die Runde machten, wie sie sich mit dieser Situation fühlten, Schule zu haben aber nicht in die Schule zu „müssen“ oder „dürfen“, kamen Antworten wie „Einerseits schon schön, keine Schule zu haben, andererseits komisch. Und die Freunde würden sie natürlich vermissen“. Zum Teil äußerten sie Sorgen um die Großeltern, ein Junge äußerte das Schlagwort „Angst“. Ich tat mein Bestes, sie zu beruhigen und wir sprachen über unsere Arbeitsweise in den nächsten Wochen, die ein Maximum an Selbstständigkeit und Organisation erforderte. Sie nickten alle eifrig, voller guter Vorsätze! Ich war gerührt, so brav, wie sie dasaßen und gleichzeitig taten sie mir jetzt schon leid, wenn ich sie mir zu Hause allein vor ihren Aufgaben brütend vorstellte, während die Eltern alle Hände voll mit ihrer eigenen Homeoffice-Arbeit zu haben werden. Aber ich wusste auch, dass wir alle ganz viel daraus lernen würden. Ein Crash-Kurs in Digitalisierung für Lehrer und Schüler, ein Crashkurs in Zusammenhalten und in alltäglichen Lösungsfindungen. Das wird eine ganz neue Generation! Die E-Generation?

Am Montagabend probierte ich mit der engagierten Mama meine erste Telefonkonferenz mit Zoom aus. Endlich klappte es. Doch die Tonqualität war noch nicht optimal. Mein großes Glück ist natürlich auch, dass mein großer Teenager sich in Computer-Angelegenheiten sehr schnell eindenken kann und mich tatkräftig unterstützen konnte. Ihm gebührt meine volle Anerkennung, das sei nicht nur beiläufig erwähnt! Ohne ihn wäre nichts so schnell gegangen! So werkelte ich mich durch googledrive und andere Konferenz- und Lernplattformen, die mich ganz beeindruckten. Montagabend schon konnten die Schüler von der Plattform meine Arbeitsblätter herunterladen und mit einem Arbeitsplan loslegen, der natürlich auch das tägliche Kindernachrichtenschauen beinhaltete. Sich vertrauenswürdige Informationsquellen zu suchen wird natürlich auch in Zunkunft, wenn man jetzt schon fake-news-Unternehmen führen kann, zu einer wichtigen Kompetenz.

Dienstag, den 17.03. 9h Schulbeginn zu Hause -im Schlafanzug… Ein Schülerpapa schlägt googleclassroom vor. Ich arbeite sogleich damit, für läuft diese Plattform sehr intuitiv. Die Eltern scheinen begeistert und senden sehr positive Rückmeldungen, die mich sehr motivieren. Cristo arbeitet stets mit Kopfhörern im Ohr und Videoanruf mit Freunden. Es scheint zu funktionieren… aber kann man dem System wirklich trauen? Nachmittags fährt er mit seinem Freund in den Wald, das war auch noch nie…

Die Herausforderung ist, wie für alle anderen auch, dass man nicht nur seinen eigenen Job macht, sondern dass man seinen heiteren Nachwuchs parallel beschulen, beschäftigen (oder ruhigstellen) darf, bzw. muss, bzw. sollte. Wer das schafft bei zwei oder mehr Kindern, ohne mindestens einmal am Tag auf den Tisch (nur auf den!) zu hauen und schier durchzudrehen, der kann sich das nach der Corona-Krise in den Lebenslauf schreiben. Dem wird höchstwahrscheinlich im Anschluss ein besserer, verantwortungsvollerer und besser bezahlter Job angeboten!

Nicos Lehrerinnen hatten es sehr gut gemeint und alles pünktlich per Mail geschickt. Nach ihren beiden Mails mit je acht Anhängen mit hohem Speichervolumen war mein Mail-Speicherplatz voll. Als ich alles ausgedruckt hatte, war die Hälfte falsch gedruckt. Ich begann von vorn. Wieder falsch. Am Ende sortierte ich 30 Blätter für meinen Zweitklässler und legte Ordner an. Angesichts der Menge bekam ich weiche Knie. Doch ich war Lehrerin, ich musste doch in der Lage sein, mein eigenes Kind zu beschulen! Nur nicht zagen! Nico leistete aktiven Widerstand. Es war mir klar, dass er keine Mühen scheuen würde, es mir möglichst schwer zu machen… Ich fotografierte das Blätterchaos und schickte es augenzwinkernd meiner Kollegin und Freundin.

Nico saß nach 45-minütigem Widerstand um 9h30 vor seinen Aufgaben und schrie nach jedem geschriebenen Wort nach mir, um sich zu vergewissern. Am Anfang antwortete ich sofort, weil ich parallel die Klassenraumplattform einspeiste und darauf so konzentriert war, dass ich immer sofort meine Ruhe brauchte, aber es trieb mich schnell zur Weißglut. Ich wollte es ihm wie den Teufel so schnell wie möglich wieder austreiben. Schneller gesagt als getan…

Mittwoch, den 18.03. – „Hust, hust…“ mein Mann wirkt beim Frühstück abgeschlagen und erkältet. Er hustet. „Oha -Corona!“ rufen Cristo und ich gleichzeitig: „Du musst dich testen lassen!“ Er schaut uns vorwurfsvoll an. Am Abend hat er uns dann von der skurrilen und beunruhigenden Atmosphäre des „Raumschiffs Enterprise“ erzählt, wo verhüllte Ärzte ihn getestet hatten. „Da wird’s einem schon anders…“. Cristo fragt: „Wenn er Corona hat, wird Papa dann sterben?“ Ich posaune ein klares und eindeutiges „Nein!“ heraus, das jegliche Zweifel im Keim ersticken sollen.

Donnerstag, den 19.03.20 – Mit ungutem Gefühl warten wir auf das Ergebnis des Tests. Diesmal darf mein Mann wirklich nicht arbeiten. Mediziner werden einem Eiltest unterzogen, damit sie in der Not schnell einsetzbar sind. Wir sind morgen zum 18. Geburtstag meines Patensohns eingeladen, es kommt überhaupt nicht in Frage, dass wir nicht hinreisen! Aus Trotz und um mein Schicksal unter Druck zu setzen (ja, ja, man sollte nichts untersucht lassen!), sende ich extra die selbstgestaltete Geburtstagspost NICHT weg. Ich will ihn besuchen!!!

Freitag, den 20.03.20 – Familienfrühstück. Mein Mann sieht etwas kleiner aus als sonst. Irgendwie nicht gut. Wir sitzen auf Kohlen. Wir wollen die Volljährigkeit meines Patensohns feiern!!! Mit jeder Stunde, die vergeht, sinkt meine Hoffnung. Der Frühling blüht und singt, alles ist eigentlich so herrlich. „Spielt draußen Kinder. Ganz viel bitte. Aber haltet dabei großen Abstand zu anderen.“ Vor dem Haus sehe ich plötzlich einen Rollator, der von meiner Schwiegermutter auf uns zugeschoben wird. „Rolf, deine Mutter!“, rufe ich, laut genug, damit er sich eventuell samt seines Virus verkrümeln kann. Mit Panik in der Augen schaut er mich entsetzt an „Meine Mutter?“ Vor seinem inneren Auge sieht mein Mann seine Mutter in einer halben Stunde mit einer unsichtbaren tödlichen Waffe namens COVID-19 ins Altersheim zurückspazieren. Er sieht, wie die älteren Herrschaften alle nacheinander anfangen sich zu schnäuzen, zu husten, schwer zu atmen und nach und nach zu sterben. Ich stelle ihr buchstäblich den Stuhl vor die Tür und erkläre ihr unglücklich, dass ich sie nicht umarmen darf. Dann beeile ich mich, denn Nicos erste Skype-Klavierstunde, livegeschaltet zwischen Sao-Paolo und Heidelberg, beginnt um 16h. Er ist ganz aufgeregt. Hampelt rum, weiß nicht so recht, wie er sich verhalten soll. Dann klappt es. Ich halte das Handy über die Tasten, damit sie seine Hände sieht, dann auf die Noten, dann auf die Hände. Dann wieder vor sein Gesicht, damit sie sprechen können. Ich bin hin und weg, wie gut das alles klappt!

Gegen 17h dann der Anruf des Gesundheitsamts. Positiv. Corona lebt seit Tagen unter uns. Mein Mann verbringt den Tag im Bett. Da mein Kleiner in den letzten Tagen draußen gespielt hatte, sah ich mich in der Pflicht, es in den beiden Nachbarschaftschats zu melden. Von allen Seiten kamen freundliche Besserungsgrüße! Sehr viel liebe Worte und Solidarität. Wir waren ab sofort in Quarantäne und so viele liebe Nachbarn boten uns ihre Hilfe an. Das tat echt gut! Bis der post kam „Bleib bitte zu Hause!“ ohne Grüße oder sonst etwas Nettes. Ich kannte den freundlichen Herrn mit so brauchbaren Ratschläge nicht und höchstwahrscheinlich war das auch gut so. Ich konnte mir – so sehr ich es mir auch wünschte – einen trockenen Kommentar nicht verkneifen… Seine Reaktion darauf zeigte mir, dass unsere Wellenlänge um einige MegaHerz differierte. Egal, sagte ich mir, was kümmert es dich, ich wiederholte es mir. Einmal. Zweimal. Nochmal. Bis ich sauer auf mich selbst war, dass es mir eben nicht egal sein konnte. Ich überlegte hin und her… und kündigte den Chat. Als ich auf dem anderen Chat (women only) versuchte zu erklären, dass die Kinder, die nun mit meinem Sohn auf der Straße gespielt hatten, nicht auch alle in Isolation oder Quarantäne müssen, das aber wohl etwas zu … kompliziert, kamen echauffierte Kommentare, dass sich Kinder untereinander doch auf jeden Fall anstecken konnten. Ja, dachte ich, klar und versuchte es dann nochmal anders, den Standpunkt des Gesundheitsamtes klarzustellen, ohne zickig oder verärgert (man tut sein Bestes an Selbstüberwindung…) zu klingen… Was keinerlei Reaktion brachte. Ich kochte wieder. Ich mochte diesen Chat manchmal sehr gern, man tauschte Dinge, in der letzten Sekunde konnte man Sonntagnachmittag die Nachbarschaft um ein Ei, das für den Kuchen noch fehlte, bitten, es war echt praktisch. Aber in der Situation tat es mir nicht mehr gut. Cristo fand, ich übertreibe wieder maßlos, das sei doch alles völlig unwichtig, ich sei überempfindlich. Wo er Recht hat, hat er Recht, aber so bin ich eben. Der Entschluss war gefasst: Raus aus der Nachrichtenhölle! Raus aus dem Panikterrorismus!

Meinen Patensohn vermisste ich, seinen 18. Geburtstag hätte ich so gern mitgefeiert. Und nun konnte ich auch nicht einmal mehr seine Geburtstagspost wegschicken. Das Schicksal sah mir ins Gesicht und schwieg. Ich streckte ihm trotzig die Zunge raus. Wir sprechen uns noch! Meine Kinder waren auch enttäuscht, Nico forderte für die Enttäuschung gleich sein Eis ein.

Samstag, den 21.03.20

Nach einer schlechten Nacht wachte ich trotzdem mit dem guten Gefühl auf, mit dem Verlassen der Chats das Richtige getan zu haben. Die Sonne schien auf den Holztisch, der Kaffee war süß, die Nachrichten schlecht. Auf der ganzen Welt gab es nur noch Corona. Von China bis zu uns nach Hause und um die ganze Welt. Ein alles einnehmender Geselle. Ein fieser. Ich telefonierte mit meiner französischen Freundin, die ihren deutschen Freund und Vater ihres zukünftigen Kindes, nicht mehr unvirtuell sehen konnte, weil die Grenzen geschlossen waren. Sie lachte: „Es ist ein feministischer Virus. Er greift vor allem Männer an, habe ich gehört. Und egozentrische, die erst recht! Wundert dich noch etwas?“ Na, sie als Biologin wird es schon wissen müssen… das waren bestimmt keine fakenews. „Und ein ökologischer Virus!“, fügte ich schmunzelnd hinzu. „Die Luft ist in China unvergleichlich besser geworden! Und bestimmt auch hier, man fliegt ja kaum noch…“

Mein Mann hatte sich in die obere Etage unter die Decke zurückgezogen und schlief. Ich beruhigte mich immer wieder (trotz der Panikprägung der Chats, Nachrichten im Radio und Internet der letzten Wochen) mit der grundlegenden Information, die besagte, dass junge, gesunde Menschen in der Regel eine fiese Grippe bekommen, mehr nicht. Meine tiefe Überzeugung war, dass es auch genau so verlaufen würde. Was aber, wenn ich falsch lag? Wenn ich einfach ein bisschen zu optimistisch war? Es waren auch schon jüngere Menschen gestorben. Diese Gedanken und Beunruhigungen, so spürte ich, waren nicht ganz meine, es waren von meiner Außenwelt generierte, das musste ich mir immer wieder sagen. Hätte ich die letzten Wochen hundertprozentig medienabstinent gelebt, wäre der Zustand meines Mannes jetzt eine ganz „normale“ Grippe, die er sich eben ärgerlicher Weise irgendwo eingefangen hatte. Diesmal hatte das alles einen (unpassender Weise wohlklingenden) Namen: Corona. Mein Mann liegt mit Corona im Bett. Vor einem Jahr hätte man mich noch gefragt, ob ich ihn rauswerfe. Heute würde ich dafür hinter Gitter kommen.

Es war Frühling, aber der Wind wehte richtig kalt. Auf unseren überschaubaren Reihenhausgarten hatte daher keiner recht Lust. Zwischen Handy, mit dem Bruder spielen, sich etwas aus dem Kühlschrank holen und die Treppen rauf und runter huschen hielt Cristo schlagartig inne und fragte nochmal mit großen Augen: „Aber Papa wird nicht sterben, oder?“ Ich baute mich regelrecht vor ihm auf, obwohl er mittlerweile auf mich herabsehen konnte und wiederholte so eindringlich, dass es das letzte Mal war, dass er mich das fragte: „NEIN!“ Hochzufrieden sprang er wieder die Treppen hoch in sein Zimmer. Ich fühlte mich großartig. Denn das war es, was ich wirklich dachte. Nico hatte nur das Schlagwort „sterben“ wahrgenommen und er trippelte nun die Treppen runter und ich wurde abermals gefragt: „Stirbt Papa jetzt doch?“. Ich verdrehte die Augen, seine Stimme klang in meinen Ohren wie „Dürfen wir den Film jetzt doch nicht zu Ende schauen?“ und doch war es wahrscheinlich ganz anders gemeint. Auch er bekam mein wackeres „NEIN“ zu hören, dann verschwand auch er schnell wieder.

Der wunderbare Effekt des Aussteigens aus den Chats war, dass ich nun ehrliche, persönliche und einfach individuelle Nachrichten empfing. Der Ton war anders, der Inhalt tiefer und überlegter, manche Nachbarinnen lernte ich nochmal neu kennen und noch mehr schätzen. Überwältigt war ich, wie viele nach meinem Mann fragten, wie viele für uns miteinkaufen gehen wollten, mir wurde richtig warm ums Herz. Ein Idealfall von Nachbarschaft. Eine brachte den Kindern eine Prinzenrolle, die gleich aufgerissen wurde (zwei Tage später entdeckten die Jungs, dass sie mit einem praktischen, wiederverschließbarem Aufkleber versehen war…), mir ein hübsches Gartenmagazin für den Ort, wo wir es uns fortan gemütlich machen konnten! Wie nett und passend von ihr. Manche denken einfach pragmatisch mit!

Der unordentliche Esszimmertisch wurde vollständig abgeräumt, denn wir hatten eine „Vision“! Wir wollten im Esszimmer endlich mal wieder Tischtennis spielen. Glücklicherweise hatte ich im Sommer ein mobiles, einrollbares Tischtennisnetz besorgt. Ich liebe Einkäufe, die sich im Nachhinein doch als nicht unsinnig entpuppen! Da der Holztisch zu dick war, halfen wir uns mit Panzertape. Dann konnte es losgehen. Ping, pong… ping, pong. Alle hatten einen Riesenspaß!

Danach buk ich einen Apfelkuchen, dachte über meine neue digitale Unterrichtsplattform googleclassroom nach, lud meine französische Kollegin ein, als zweite Klassenlehrerin mit einzusteigen und erinnerte die Kinder, wann immer ich selbst daran dachte, sich gründlich die Hände zu waschen. Dann schaute ich wieder nach meinem Mann, der schlief tief und fest.

Sonntag, 22.03.20

8h24 „Yoko, braucht ihr was vom Bäcker?“, fragt meine liebe Nachbarin per whatsup. Wie freundlich, welch eine Hilfsbereitschaft… ich fühlte mich richtiggehend verwöhnt. Sonntagsmorgens gefragt zu werden, ob man frische Brötchen vors Haus gestellt bekommen möchte, das ist schon Luxus. Wir hatten schon den Apfelkuchen. Nico wollte ihn schon am Samstagabend als Nachtisch probieren, er hatte mir aber wieder beim späten Abendessen den letzten Nerv gekostet und so durfte er nicht. So hatten wird dafür einen richtigen Sonntagskuchen.

Meinem Mann brachte ich Orangensaft und Wasser, mehr wollte er leider nicht. Wenn er keinen Kaffee und keinen Kuchen will, dann ist er richtig krank. Gegen den Kaffee-Kuchen-Indikator kann bei uns kein Fieberthermometer mithalten. Nico mache später selbst einen Smoothie mit Mango, Bananen und gefrorenen Himbeeren, was er dann doch probierte. Das freute uns.

Was früher nicht geschah… aufräumen, entsorgen, nochmal aufräumen, Mülltonnen füllen sich (dann eine Internetnachricht, dass die Stadtreinigung ihre Service herunterfahren wird… Damit hatte ich leider nicht gerechnet. Putzen, sogar die Fenster, sieh an sieh raus! Den Frühling gibt’s tatsächlich.

Die Handyregeln, die zu Hause gelten, versuchte ich verzweifelt aufrecht zu erhalten, doch ich befürchtete, dass mir die Sache jetzt während der Quarantäne aus dem Griff zu gleiten drohte… und sich dann als vermeintliches „Gewohnheitsrecht“ fortsetzen würde… Ahhh, wie ich es hasste, diesen allgegenwärtigen Bildschirmen hinterher zu jagen, den Großen zu kontrollieren, maß zu regeln, zu drohen, mich zu ärgern, Regeln zu wiederholen, wieder und wieder. Immer war er gerissen genug, tausendundeine Ausnahmeregelung zu erfinden, meine Regeln zu hintergehen. Ab und zu versuchte er es auch unverhohlen mit einer entwaffnenden Offenheit und sagte mir, es sei lächerlich, dieses allgegenwärtige Handy zu verteufeln, ich sei ja ebenso viel davor und außerdem mache er ja nichts Verbotenes (außer meine Regeln zu brechen, aber das zähle er da nicht dazu…)! Cristo hält mich für den Medien Don Quijote. Bin ich es wirklich? Nico fragte mich kürzlich, wie es damals in meiner Kindheit im Mittelalter war… und staunte nicht schlecht, als ich ihm eröffnete, dass mein Fahrrad tatsächlich auch damals schon Gänge hatte! Das sollte mir doch nicht im Ernst zu denken geben. Oder etwa doch? Die Quarantäne ist, glaube ich, für viele jugendlichen „Quarantänos“ medientechnisch das gefundene Fressen schlechthin. Endlich werden die Eltern in die Knie gezwungen.

„Mama, schneidest du mir die Haare? Die Seiten ganz kurz, dann einen gleichmäßigen Übergang und oben dann nur ausgedünnt, sodass ich sie noch gut stylen lassen.“ Ich mache es. Das Badezimmer ist übersät mit Haaren. Ich niese und huste. Sogleich höre ich, wie mein Mann in seinem Schlaf schon unruhiger wird und sich wälzt. Er hat Angst um uns.

„Mama! Ich will auch Seiten auf Null! Ich will auch eine neue Frisur!“, schreit Nico. Cristo grinst schelmisch: „Mach dir doch die Corona-Frisur!“ „Wie geht die? Sag schon!“, drängelt Nico, immer an den neuesten Trends, die sein Bruder aufspürt, interessiert. Alles ganz kurz. Ich schüttle den Kopf: „Wie nach einem Läusebefall? Unsinn, dass ist die Armee-Frisur! Corona müsste man sich stylen mit Gel, so rundum kleine Stacheln wie Krönchen!“ Cristo unterdrückt ein Lachen: „Ach Mama, du verstehst das nicht!“

Als ich später zu meinem isolierten Kranken gehe, blickt er mich mit großen, sorgenvollen Augen an. Seine Wangen wirken eingefallen, wenn er spricht. „Komm mir nicht so nah! Du darfst nicht krank werden! Aber was wird aus den Kindern, wenn du krank wirst? Das ist eine Katastrophe!“ Ich hebe die Augenbrauen. „Wir haben keine Säuglinge und keine Kleinkinder mehr, Rolf! Das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass sie sich drei Tage ausschließlich von Nudeln ernähren und sie täglich zehn Stunden vor der Glotze hängen. Wenn du mich fragst, für sie eine reine Idealvorstellung!“

Montag, den 23.03.2020

Mein Mann hat wieder Appetit! Und das Beste ist: Er hat etwas meinem Essen auszusetzen! Auch das gehört zu den zuverlässigsten Gesundheitsindikatoren meines Mannes. Er ist also über dem Berg. Wer hätte gedacht, dass ich mich eines Tages über sein Herummäkeln freuen würde? Mich lehrt das Leben immer wieder zu staunen…

Ich bekomme mindestens vier hilfsbereite Nachrichten, ob wir etwas brauchen. Da ich nicht einmal den Leuten das Geld bar in die Hand geben kann, legen uns die netten Nachbarn die Lebensmittel vor die Tür. Oder es wird eine Tüte Äpfel zwischen die Äste des Feigenbaums gelegt. So habe ich mir recht schnell ein Corona-Schuldenbüchlein angelegt…

Wenn ich mal nichts von meinen Kindern höre, bin ich immer gleich unruhig. Dann schaut der Große irgendein superspannendes Video und der Kleine guckt mit. „Lasst uns etwas spielen“, stößt nicht wie früher auf Begeisterung. Ich bin traurig. Gleitet mir der Alltag außer Kontrolle? Nistet sich langsam aber sicher die Medien-Anarchie bei uns ein? Auch ich bin viel vor dem Handy, gebe Auskünfte über meinen Mann, regle die Einkäufe, die uns vor die Tür gestellt werden, tausche mich auch aus über das E-Unterrichten mit meinen Kolleginnen und versende Mails an die Schülereltern.

Immerhin macht Cristo sein sportliches Trockentraining in seinem Zimmer auf seiner Matte. Und er räumt selbstständig und ohne Druck sein Zimmer auf. Mistet alte Bücher aus (drei Kartons voll!) und staubsaugt sogar! Das sind in unserem relativ eintönigen Quarantäne-Alltag dann doch richtig gute Überraschungen. Und Nico? Der bereitet zur Freude aller einen Crêpes-Teig vor.

Da Cristo die Bücherkisten aus seinem Zimmer entrümpelt, muss ich wiederum den Keller auf Vordermann bringen, bevor ich Weiteres hineinstopfe. Dieses Keller-Aufräumen macht mich immer ganz besonders glücklich. Am liebsten würde ich ein „Vorher-Nachher“ Foto machen, wie andere mit ihrer Frisur. Was sollte ich nur damit? Marie Kondo würde ich ohnehin niemals Konkurrenz machen können.

Dienstag, den 24.03.2020

Cora, die Nachbarin aus der Nebenstraße klopft ans Fenster und zeigt, dass sie uns etwas vor die Tür gelegt hat. Ich öffne das Fenster, wir reden kurz, die Jungs rennen herbei, wie Schafe an den Zaun, wenn man das erste zu füttern angefangen hat. Zum ersten Mal bedrängt mich das wirklich das Gefühl, eingesperrt zu sein. Wir reden ein paar aufbauende Takte in „allegro“, dann ist sie weg. Ich renne anschließend in den Garten hinaus. Nico rennt mir nach. „Lass‘ uns eine Runde im Garten drehen!“, sagte er, und legt seine Hand in meine und drückt sich gegen mich. „Ja, komm, wir schauen, was schon alles wächst und was wir alles haben.“ Ich zeige ihm den Kerbel, die Petersilie, den Salbei, den Rosmarin, von allem rupft er ab und probiert. Den Sauerampfer spuckt er wieder aus. Es schmeckt ihm wiederum die scharfe Rauke. Den kleinen Apfelbaum, den Nico mittlerweile an Zentimetern überholt hat, umarmt er innig und fragt, ob es seiner sein darf. „Ich schenke ihn dir!“.

Das Gesicht meines Mannes sieht blass uns abgemagert aus. Als großer Kuchenliebhaber freut mich ganz besonders, dass meine herzensliebe Cousine uns für morgen einen Kuchen gebacken hat.

Mittwoch, den 25. März 2020

Der Postbote klingelt. Wir rennen zum Fenster. Bevor wir noch das Wort „Quarantäne“ ausgesprochen haben, winkt er schon ab und geht. Vor der Tür liegt ein Päckchen. Die Kinder jubeln. Meine liebe Cousine aus Karlsruhe schickt uns herrliche fairtrade-Leckereien! Wir sind ganz gerührt und beseelt.

Während Nicos skype-Klavierunterrichts klingelt es an der Tür, die nicht geöffnet werden darf, und mein Cousin winkt uns durchs Fenster: „Holt es gleich rein, sonst werden sich noch die Nachbarn freuen!“, grinst er. Wir hätten so gern noch den Nachmittag mit ihm verbracht! Als wir später die Haustür öffnen, glauben wir zu träumen! Ein bunter Berg voller Köstlichkeiten, was sag‘ ich, das Schlaraffenland türmt sich vor unseren Füßen. Wir lachen und johlen minutenlang vor Begeisterung! Wenn Rolf das jetzt sehen könnte! Leckeres frisches Obst, allerlei Gemüse, 12 Flaschen Säfte, 6 Liter Milch, 2 kg Mehl, Eier, eine riesige Torte, ein Blech frischen duftenden Flammenkuchen, zwei verschiedene Salate mit Salatsoße, Brot, feines Müsli und vieles mehr. Wir hatten meine Cousine um einen Tintenkiller für Nico, Saft und Eier gebeten. Wir waren so sprachlos und überwältigt, dass wir kaum wussten, wie wir unsere Dankbarkeit in Worten ausdrücken konnten.

Donnerstag, den 26. März

Wir schlemmen jetzt nur noch von früh bis spät von den Köstlichkeiten, die uns doch ein bisschen das Gefühl von Freiheit zurückgeben. Ich denke an meine italienische Freundin, die mit Mann und drei Töchtern in einer überschaubaren vier Zimmer-Wohnung mitten in Rom wohnen. Ohne Balkon, ohne Garten. Sie sind nun einen Monat zu Hause. Sie beklagt sich nicht. Hofft nur, dass es dieses Opfer wenigstens dienlich ist.

Von meinem stets gut gelauntem Nachbarn erfahre ich, dass zwei Chat-Nachbarinnen, die ich gerne mag, auch aus dem Chat getreten sind. Das Gleichgewicht der allgemeinen Stimmung zu halten war im Chat immer mehr zur allgemeinen Herausforderung geworden. Die Ansichten in Sachen wer wen wo trifft und was man nun wirklich darf oder nicht gingen wohl stark auseinander. Er ist enttäuscht. Nennt so manches Verhalten unverantwortlich… Der Stresspegel stieg wohl regelmäßig. Ich war heilfroh, dass ich aus der Nummer draußen war. Cora sagte mit getrübter Stimme, sie fürchte jetzt schon um die Zeit „danach“. Vermutlich werden sich die Corona-Wogen schnell wieder glätten. Das hoffe ich jetzt einfach. Hoffentlich rührt meine Zuversicht nicht einfach nur daher, dass ich momentan so abgeschottet bin…

Freitag, den 27. März

Nicos Launen sind häufig zügellos. Auf die Bitte: „Nach dem Frühstück gehst du bitte an deine Aufgaben!“ antwortet er selbstbewusst und laut: „Nein!“ Er wird auch sofort lauter, wenn ich ihn nochmal bitte, bis ich das pädagogische „Bitten“ schlichtweg nicht mehr einsehe. Ich gleite in den Befehlston über. Mein Sohn brüllt zurück. Kurzes Nachdenken, welche Druckmittel mir noch zur Verfügung stehen. In einer Stunde habe ich meine dritte Video-Unterrichtskonferenz mit meinen Schülern, bis zu der soll er immerhin mit einer Aufgabe fertig geworden sein. Denn während der Aufnahme, die er ungeheuerlich spannend findet, muss er natürlich in meiner Nähe sein und immer wieder hinter mir durchs Bild hampeln. Meine Schüler scheint das nicht im Mindesten zu beirren. Mich irritiert es jedoch und bringt es aus dem Konzept.

Später weigert er sich immer noch, seine Schulaufgaben zu machen. Seine Widerworte strapazieren meine Geduld. Wir sind dem Hüttenkoller nahe: „Nico, soll ich deinen Lehrerinnen berichten, wie du dich hier aufführst, bevor du dich an die Arbeit machst?“ Panisches Schreien ertönt: „Neeeeiiin!“ Er stürzt auf mich zu und versucht mir mein Telefon, die für ihn böse Waffe, zornig aus der Hand zu reißen. Schließlich setzt er sich hin und arbeitet. Meine Lehrer-Kolleginnen meinten schon, einige Eltern werden jetzt erst (und endlich!) ihr Kind von einer ganz neuen Seite kennenlernen und vielleicht das letzte Elterngespräch nochmal anders verstehen. Zu denen gehöre schlussendlich auch ich.

Das kalte, sonnige Frühlingswetter ist wunderbar. Wir drehen im kleinen Reihenhausgarten hundertfünfzig Runden, rennend und werfen uns gegenseitig den Ball zu. Wir lachen, entspannen, es tut so gut. Dann ist plötzlich Abend. Nach dem Essen ein Anruf, die Stimme meines Onkels. „Ach, hallo Onkel!“ „Nein, ich bin’s Fabio.“ Ich zucke. Er hat mich noch nie angerufen. Das kann nichts Gutes heißen. Seine Stimme ist klar, nüchtern, unmissverständlich. Bevor er es ausspricht, sinke ich auf den Küchenboden. Mein Kopf wird schwer. Ohne uns jemals wirklich nah gewesen zu sein, mochten wir uns gern. Seine joviale Art, sein kugelrunder Bauch und seine innere Zufriedenheit erinnerten mich an meinen Großvater. Als junger Steinmetz-Geselle durfte er bei der Restauration der Kathedrale von Strasbourg mitwirken. So kam er mit seinen Kumpel an die Schlüssel des Turms. Nachts, mit einer Flasche Rotwein in der Jacke, kraxelten sie am Turm außen hoch. Sie wurden erwischt und es kam ein Artikel in die elsässische Tageszeitung. Darauf war er lebenslang stolz. „Wegen Corona?“, fragte ich. „Nein, Herzinfarkt im MRT.“ „Ach“, sagte ich ton- und kraftlos, „ohne Abschied. Wie schade.“

„Wie geht es übrigens deinem Mann? Ich habe gehört er hat das Virus.“ Fabio hatte die Fassung nicht verloren. Mich überkam fast ein Gefühl der Scham, in dieser Situation von ihm gefragt zu werden. Hoffentlich kam der Einsturz nicht erst noch.

Der Kopf ist die Schaltzentrale. Die Häufung negativer Gefühle kann die Verschaltungen überreizen. Kopfschmerz.

Samstag, den 28. März

Ausschlafen. Behäbige Schritte ins Bad. Der Spiegel meint es ehrlich mit mir. Er sagt: „Yoko, Tausende hinter und vor den Bergen sind schöner als du, so geh zurück ins Bett und ruh!“ Vielleicht sollte ich ihm Folge leisten, aber wenn selbst Cristo schon wach ist, heißt das wirklich, dass es Zeit wird für den ersten Espresso. Ich versuche es mit kalter Frühlingsluft. Zu kalt. Mit Sofa. Zu hart. Spieglein, Spieglein, recht hattest du!

Rolf, mein besorgter Ehemann, schaut mich an und nickt sein traurig-mitleidiges Nicken: „Du hast jetzt auch Corona!“ „Quatsch!“, fauche ich ihn an, „ich hab‘ Kopfweh!“ „Tja,“, er hebt fatalistisch die Augenbrauen, „so fängt es an!“

Auf dem Bauch liegend versuche ich zu entspannen, wohlig-heilende Gedanken zu denken. „Mama! Warum darf ich keine Nintendo-Switch wie Tim haben? Mir ist langweilig! Das ist so unfair!“ Ich zische, fauche, belle, das Kind liegt mir wie ein implantiertes, pfeifendes Hörgerät im Ohr. Erst beim Satz: „Schau dir die Sendung mit der Maus an!“ ist plötzlich Ruhe. Warum bin ich da nicht früher drauf gekommen! In der Corona-Zeit wird sie sogar täglich gesendet. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen nimmt eben seinen Bildungsauftrag ernst. Sehr löblich!

Ein paar Stunden später klingelt mein Telefon. Eine Heidelberger Nummer. Nachbarn, die mir noch etwas besorgen möchten? Ich gehe lieber ran und quetsche ein möglichst freundliches „Hallo?“ heraus. „Gesundheitsamt guten Tag!“. Es ist Samstag 17h23. Corona raubt den Angestellten im Gesundheitsamt jeglichen Sinn für Feierabend oder Wochenende. Sie tun mir einerseits leid. Andererseits nehme ich ihnen schrecklich üben, dass sie mich ausgerechnet heute behelligen müssen mit ihren Fragen! Ich fürchte nämlich um das baldige Ende unserer Quarantäne. „Wie Sie wissen, hat jemand aus ihrem näheren Umfeld das Corona-Virus.“ Ich lache gequält, worauf er erklärt, dass es nicht lustig gemeint war, sondern er mir aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht seinen Namen nennen dürfe. „Ah, ja! Klar!“, versuche ich mitdenkend und kopfschmerzfrei zu wirken. „Sie wissen aber, wen ich meine?“, bohrt der freundliche Herr ohne Feierabend weiter. „Ja, sicher, meinen Mann Rolf Rippe.“ „Genau!“, antwortet er glücklich, als hätte ich bei einer dämlichen TV-Show den Bonus gewonnen. „Geht es Ihnen gut?“, fragt er förmlich. Ich setze mich schnell aufrecht, um überzeugender klingen zu können: „Ja, danke, gut.“ Er wiederholt ohne zu tippen. „Keine Symptome? Schnupfen, Halsschmerz, Fieber?“ Haha, Kopfschmerzen waren nicht dabei!, freue ich mich diebisch, während der Schmerz gegen meine Stirn drückt. „Und wie geht es Ihren Kindern?“, setzt er unseren entspannten Smalltalk fort. „Danke, bestens!“

„Wann hatten Sie das letzte Mal engeren Kontakt mit Ihrem Mann?“, geht die Fragerei weiter. Was meint er jetzt? Am liebsten möchte ich ihm antworten, dass er sich am 19.03. von uns isoliert hat (was der Wahrheit entsprach) und ich seither nichts mehr von ihm gehört noch gesehen habe. Und ob ich nach ihm hätte gucken sollen…

Aber es wäre unverschämt. Er kann ja nichts dafür, dass weder unsere Realität noch unsere Sprache so recht für diesen sonderbaren und strapazierenden Zustand vorbereitet ist. Seufzend lege ich auf und versuche zu schlafen. Mein Mann steht wieder in der Tür. „Was essen wir heute Abend?“

Montag, 30. März

Es ist Montag. Klingt normal. Ist es aber nicht. Und das Ungewöhnliche an dem Unnormalen daran, dass Montag ist, es aber doch nicht normal ist, ist, dass das Unnormale allmählich doch zur pseudo-Normalität wird. Oder es zu werden scheint. Ob es mir noch gut geht? Hm, danke der Nachfrage, ich hoffe doch!

Das erste, was mir nicht so ganz gefällt, ist, dass ich trotz der Bemühungen meines Weckers liegen bleibe. Zugegebener Maßen hatte ich die Latte doch etwas hoch gesetzt: 6 Uhr (wer lacht?). Ich wollte sehen, wie lange ich das durchziehe, nur mit Selbstdisziplin und ohne äußere Zwänge früh aufzustehen. Die Menschen, die noch meinten, nur weil man Kinder unterhalb der Pubertätsgrenze habe, werden quasi automatisch vor 9 Uhr geweckt, liegen absolut falsch! Hierbei sei übrigens ganz nebenbei den Investigationsjournalisten der ZEIT gedankt, sie haben die Deutschen darüber aufgeklärt, dass es die sogenannten „Lerchen“ und die „Eulen“ unter uns innerhalb derselben Zeitzone gibt. Die Lerchen, wer hätte das gedacht, sind die Frühaufsteher und Frühmüden, die Eulen sind die Spätaufsteher oder Ausschläfer (so kann man Langschläfer eleganter Weise auch nennen!) und Spätinsbettgeher. Ich schätze mich glücklich, dass alle meine Familienmitglieder ein und derselben Gattung angehören. Beziehungsweise fast. Aber Ausnahmen bestätigen – wie jeder weiß – die Regel. Ich gehöre nämlich zu den Möchtegern-Lerchen. Eine Eule im Lerchenfederkleid, oder so ähnlich.

Das klingt alles viel entspannter, als es eigentlich ist. Jetzt, in der privatesten aller privaten Zeiten, der Corona-Quarantäne-Zeit, ist das Eulen-Dasein eine Opportunität. Wir leben ungehemmt unseren inhärenten Biorhythmus aus. Zusammengefasst heißt das: Die Kinder kommen irrsinnig spät ins Bett (Genaueres wird an dieser Stelle nicht preisgegeben…), die Stimmung ist entspannt bis ferienhaft (dann leider Gottes doch mit einem Hauch schlechtem Gewissen), das Aufwachen ist am nächsten Morgen vor 9 Uhr schwer bis unmöglich.

Der Wecker zwitschert fröhlich vor sich hin, ich wische auf dem Bildschirm entweder auf „snooze“ oder „stopp“, was mir im Halbschlaf gerade besser gelingt. Einzig der Gedanke an den Video-Unterricht auf „zoom“ mit meinen Viertklässlern rettet mich vor der Ausschlafanarchie. Nach dem dritten oder vierten „snooze“-Durchgang bin ich endlich auf den Beinen und hoffe inständig, dass mein „Es“ gegen die Schwerkraft gewinnen wird.

Kein einziger meiner Schüler sitzt um halb elf im Schlafanzug vor dem online-Unterricht. Nur ein kleiner Zweitklässler, der sich hinter meinem Rücken immer wieder ins Bild mogelt, um zu zeigen: Ich bin auch da! Ich habe für mich beschlossen, dass es meine Viertklässler nicht registrieren.

Am Montag habe ich für sie gleich zwei sessions gebucht. Der Deutsch-Unterricht vom Sofa aus beflügelt mich. Leider verpasse ich das zoom-„Apéritif“, das mein Chef organisiert (womöglich auch von seinem Sofa aus…), um meinen Kolleginnen das online-video-Unterrichten schmackhaft zu machen. Das Interesse daran war wohl mäßig…

Die lieben Nachbarinnen fragen hier und da, ob wir etwas brauchen, sie gehen einkaufen. Wenn sie von außen an unser Fenster klopfen und etwas vor der Tür ablegen, schlägt mein Herz höher. Eine warnt mich schon: „Mehl gibt es gar keines mehr. Du wirst überrascht sein, wie es mittlerweile in den Supermärkten aussieht!“. Werden wir keine Joghurts mehr bekommen? Frisches Obst und Gemüse? Ich schiebe den Gedanken schnell weg.

Nicos Freund hat uns sogar seinen Basketballkorb geliehen, obwohl er sehr daran hängt und in dem Alter ist, in dem das Teilen nicht selbstverständlich ist. Nico hat sich gefreut wie ein Schneekönig, wir haben zusammen in den Korb gezielt und gelacht. Als die Zeit für Unsinn reif war, wurden dann alle möglichen Bälle, die in unserem Haushalt aufzufinden waren, in den Korb geworfen: alle Fußbälle und zuletzt sogar der dicke, rote Hüpfball. Nie hätte ich gedacht, dass sogar der durch den Korb passt. Meine armseligen vier Gartentulpen mussten daran glauben.

Dienstag, 31. März

Heute habe ich keinen Online-Unterricht. Ich schlafe bis 8 Uhr. Die Kinder bis 9 Uhr. Ob es gut ist, oder nicht, immerhin tut es gut. Das ist schon etwas.

Nico darf auch mal skypen. Es tut ihm sichtlich gut, sich wenn auch nur virtuell, mit Altersgenossen zu treffen. Die Klassenkameradin isst gerade Schokoladeneis mit einem Esslöffel, auf dem ein erstaunlich hoher Eisberg aufgetürmt ist. Sie redet kaum, sie schiebt sich nur immer wieder den Eisberg in den Mund. Nico wird unruhig. Seine Freundin merkt das, und lässt den immer noch vollen Löffel zur Kamera gleiten. Immer näher. Wir schauen beide zu, lachen und öffnen den Mund. Immer wieder werden wir virtuell gefüttert. Als er es nicht mehr aushält, rennt er zum Tiefkühlfach und kratzt sich die letzten Reste aus dem Eisbecher heraus.

Als das Gespräch später immer noch nicht in Gang kommt, schlage ich vor, dass die beiden „Wer bin ich?“ Mit Hilfe klappt es ganz gut, bis es irgendwann keinen Spaß mehr macht und die Kinder regelmäßig von der Kamera verschwinden, um sich ständig neu zu verkleiden. Die Freundin sitzt als Einhorn-DJ vor uns, dann mit Sonnenbrille. Nico kommt mal als Rockstar, als Zyklop und als Clown daher. Verkleiden ist doch das amüsanteste Spiel überhaupt!

Mittwoch, 01. April

Heute ist die Stimmung schräg. Zunächst beginnt alles harmlos. Der Briefträger wirft uns vier verschiedene Briefe vom Gesundheitsamt ein. Ein Aprilscherz? Ich denke schon. Denn sie schicken uns ausgedruckt, was sie uns am Samstagnachmittag, als ich mich noch gegen die Kopfschmerzen wehrte, schon per Mail geschickt hatten. Ich sollte retroaktiv ein Tagebuch führen ab dem 18. März über meinen Gesundheitszustand und dem meiner Söhne mit täglichem Fieber messen. Es freut mich sehr, dass mich dieses Schreiben so spät erreicht. Ich werde einfach, anstatt die Tabellen kleinschrittig auszufüllen, schreiben: Uns dreien ging es die ganze Zeit gut, danke!

Meine Schüler erscheinen heute mit Verkleidungen vor dem Bildschirm, was daran liegt, dass meine Kollegin sich eine Stunde später sich zum ersten Mal mit ihnen live-schaltet, mit der witzigen Verkleidungsidee zum ersten April. Wir haben die Klassenlektüre begonnen. Manche sind vor allem mit ihren Verkleidungen beschäftigt, rücken ihre langhaarige Perücke zurecht, erscheinen plötzlich mit Sonnenbrillen, mit Federhütchen, ich muss lachen, kann mich selbst nicht genau auf den Inhalt des Gelesenen konzentrieren. Die zwei bis drei Schüler in meiner Klasse, die stoisch und katastrophensicher keine Millisekunde dessen entgeht, was ich sage und mache, schauen noch immer ernst und aufmerksam in ihre Bildschirme. Ich frage mich, was sie über ihre Lehrerin, die sich von ihren Schülern ablenken lässt, denken. Merken sie überhaupt, dass sie die einzigen sind, die noch bei der Sache sind? Ich bemühe mich, die ausgelassene Stimmung unseres virtuellen (also unwirklichen?) Unterrichts so geschickt wie möglich wieder auf den Inhalt unseres Buches zurückzuführen. Die Schüler durchschauen immer mehr die Möglichkeiten und Spielereien der Technik, die ihnen durch den online-Unterricht offenbar wird. Zwei Freundinnen entdecken, dass man (wie in der Schule) im Hintergrund chatten kann. „Hallo Leni!“ ploppt eine Sprechblase auf. „Hallo Anna!“ Nochmal eine. „Wie geht’s Leni?“ Ich seufze. Natürlich freue ich mich, dass sie so aufgeweckt sind… trotzdem nervt es schnell.

Später erhalte ich die weitergeleitete whatsup-Nachricht vom Bildungsministerium, dass die Sommerferien aufgrund der Corona-Krise auf zwei Wochen verkürzt werden, weil sonst zu viele Bildungsinhalte unvermittelt blieben. Ich erstarre vor Schreck. Gewiss liebe ich meinen Job, das Unterrichten, die Kinder, aber das geht trotzdem ein bisschen weit… wobei, wenn man sowieso nicht weg kann… ich wäge ab… und friere mein Entsetzen ein. Erst am Abend fällt es mir wie Schuppen von den Augen… April, April!

Manchmal ist man eben etwas schwerfällig und leichtgläubig. Vor allem, wenn im Hirn gerade etwas anderes, Wichtigeres abläuft. Den ganzen Tag denken wir nämlich daran, dass morgen unsere Quarantäne beendet sein wird. Dann kommt Rolf die Treppen herunter und verkündet: „Gute Nachrichten, eure Quarantäne ist morgen aufgehoben!“ „Das wussten wir doch!“, werfen wir zurück. „Na, ja“, räuspert sich Rolf, „erst jetzt ist es wirklich offiziell!“. Ich schüttle entgeistert den Kopf. Ich will auch wieder raus dürfen! „Aber meine Quarantäne nicht… Ich muss 48 Stunden symptomfrei sein.“ Leider dauerte es bis dahin noch ein paar Tage. Er tat mir leid. Gerade er, der, wenn er nicht seine vier Triathlon-Trainingseinheiten in der Woche hatte, unausstehlich wurde, war hier im Haus gefangen… und dafür war er auch noch erstaunlich umgänglich! Den berüchtigten Hüttenkoller traf am häufigsten den kleinen Nico. Ihm fehlte schmerzhaft der direkte Kontakt zu seinen gleichaltrigen Freunden. Wir versuchten es ihm zu Hause so abwechslungsreich wie möglich zu gestalten.

Mittlerweile lagen zwei Matratzen aufeinander mal im Garten (als Trampolinersatz), mal im Wohnzimmer, worauf er nach Herzenslust darauf seine Salti übte. Im Wohnzimmer lagen auch der Devil stick, Jonglierbälle, Flummis, Murmeln und Sprungseile. Die schöne Wohnzimmerlampe in Sternform hatte auch schon daran glauben müssen. „Aber Mama, die störte halt beim Seilspringen!“, rechtfertigte sich Nico, als hätte er nur kurz einen Sessel weg geschoben.

Gegen Abend ergriff mich eine merkwürdige Stimmung, obwohl ich eindeutig glücklich zu sein hatte! Morgen früh konnte ich raus auf die Straße! In die Natur! Auf den Königstuhl! Ich war nicht mehr von der Versorgung durch meine Nachbarschaft abhängig (wobei das auch eine sehr hilfsbereite Verbundenheit geschaffen hatte). Trotzdem war ich melancholisch. Ich bin wahrscheinlich eine Umbruchsmelancholikerin. Kurz vor jedem Wandel ergreift mich der Abschied des gerade noch Seienden und bald Gewesenen.

Donnerstag, den 02.04.20

Der erste Gedanke nach dem Aufwachen: Die Welt gehört wieder mir! Frei!

Ich denke mir ein Champagnerfrühstück mit warmen Croissants und trinke dabei meinen Espresso. Die Sonne scheint, es ist Frühling, alles passt wieder. Oder fast.

Der letzte online-Unterricht vor den Osterferien findet heute statt. Davor blättere ich in der Zeitung und überfliege einen Artikel über häusliche Gewalt. Der Vorwurf, dieses gern aufgeschobene Thema würde erst jetzt besprochen, wird laut. Die Opfer, ob Frau, ob Kind (tatsächlich soll es auch vereinzelnd Männer geben), sind ihrem Täter während Isolation oder Quarantäne hilflos ausgeliefert. Reagieren, telefonieren, Hilfe holen wird noch schwerer oder schlicht unmöglich. Während ich lese, höre ich einen Radiobericht über misshandelte Kinder und Frauen. Der Kaffee ist kalt geworden. Ich ziehe mir eine Strickjacke über. Bald habe ich online-Unterricht, vorher möchte ich meine Bedrückung abschütteln und schaue mir im Garten die vom Basketballspielen zerdrückten roten Tulpen an. Sie versuchen mit letzter Kraft ihre Köpfe Richtung Sonne zu ziehen.

Dann mein Unterricht. Wieder sind 15 von 20 Schülern anwesend, zwei sind entschuldigt. Während wir an unserer Lektüre lesen, offenbart ein Kind unvermittelt, dass seine Eltern schlecht zu ihm sind. Etwas in der Lektüre hat es daran erinnert. Ich bin wie vom Donner gerührt. Meine erschrockenen Worte lassen sich schwer aussprechen. Ich suche nach der Realität hinter der Aussage des Kindes. Es fragt seine Mitschüler unverhohlen und herausfordernd: „Ist das bei euch zu Hause auch so?“ Die Mitschüler sind entweder peinlich berührt oder schockiert oder wollen (beziehungsweise können) nicht ganz verstehen, was gerade gefragt wurde. Sie sind merkwürdig abwesend. Der Moment bis zu ihrer Antwort scheint mir zu lang. Immerhin lässt es mir Zeit zum Überlegen. Wir sind diesmal nicht „unter uns“, im beschützten Klassenzimmer der Schule, wir sind in einem virtuellen Forum, das die Illusion von „Schutz“ und „Privatsphäre“ gibt. Manche Eltern hören vielleicht zu, ohne dass ich sie sehe, andere schalten nur ein und verschwinden dann, vereinzelnd schneien sie auch kurz ins Bild und winken allen zu und verkrümeln sich dann wieder. Zwei bis drei Kinder antworten schließlich mit einem klaren: „Nein!“, andere dagegen schütteln nur betroffen mit dem Kopf, manche reagieren gar nicht. „Vielleicht willst du mir mal mehr darüber erzählen? Wenn du willst, bin ich für dich da“. Ich hoffe immer noch, wir haben es mit „Harmlosigkeiten“ zu tun und bin mir dennoch bewusst, dass gerade diese Zweifel es sind, die manches zu unrecht verharmlosen! Ich muss die Aussage ernst nehmen. Bilder der freundlichen Eltern kommen mir in den Kopf, nette Gespräche, die sich mit dieser harten Anklage für mich nicht im Geringsten verbinden lassen. Und doch muss ich etwas unternehmen. Das Kind wiederholt seine Aussage. Ich mache mir Sorgen! Ich bin in eine äußerst unbequeme und verantwortungsvolle Position gerutscht. Das unterhaltsame Internet-Unterrichten hat an diesem Tag seine Unschuld verloren.

Nachdem ich mit der Schulleitung gesprochen habe, erscheint uns am besten, sofort ein Gespräch mit den Eltern zu suchen. Nach dem Telefonat fühlten wir uns beruhigt. Die Eltern haben ohne zu zögern den Streit geschildert. Wir wollen weiterhin für offene Gespräche zur Verfügung stehen. Auch während der Ferien. Dieses Eingesperrtsein auf engem Raum überfordert viele. Breitflächiger Infektionsschutz für die Schwächsten unserer Gesellschaft hat seinen Preis.

Nach vielen Telefonaten und großer Aufregung geht mir dieser Online-Unterricht immer noch nicht aus dem Kopf. Dann beschließe ich meine Freiheit, nach der ich mich so lange verzehrt habe, doch ENDLICH zu genießen und gehe zunächst mal kurz auf die Straße!

Nachdem ich weder auf der Straße unserer dicht besiedelten Siedlung geschrieen habe „Ich bin frei!“, noch einen wunderschönen Ausflug auf den Königstuhl gemacht habe, beschloss ich wenigstens den Kühlschrank aufzufüllen und meinem Mann und uns etwas Leckeres zu gönnen. Die Männer des Hauses bekommen ihr heißgeliebtes Fleisch. Für uns alle als Vorspeise Sushi. Die Fastenzeit kommt uns so oder so sehr intensiv vor dieses Jahr. Verzicht auf Freiheit (wenn auch unfreiwillig), Süßigkeiten (halbfreiwillig), auf Fleisch (meinerseits) und auf die Nähe zu meinem Mann. Gefühlt sind das knapp fünf Fastenzeiten!

Wir drei steigen auf die Räder und gehen einkaufen, als wäre es ein nennenswerter Ausflug. Ehrlich gesagt sind wir neugierig auf das, was uns erwartet. Es ist ein bisschen wie bei dem Film „Good bye Lenin“, bei dem die Mutter, die in Ost-Berlin lebt, durch ein Koma die Wende „verschlafen“ hat. Wir haben auch in unserem Umfeld einiges verpasst. In den zwei letzten Wochen ist das „Einkaufserlebnis“ wieder zurückgeschrumpft auf das, was es eigentlich ist: eine Nahrungsmittelbeschaffungsmaßnahme. Keine einkaufsfördernde Beschallung aus den Lautsprechern mehr, rot-weiße Sicherheitsbodenmarkierungen, über die wir staunen, Spuckschutz aus Plexiglas an der Kasse. Cristo will wissen, ob das Gerede rund ums Klopapier nur „pranks“ (bzw. Gags) aus den Medien sind, oder ob die Ängste der Deutschen wirklich so „elementar“ sind. Nico rennt ihm nach. Ich sehe, wie die einkaufenden Heidelberger meinen Kindern ängstlich ausweichen. Um sie zurückzurufen ist es zu spät, ich müsste entweder selbst losrennen, um sie einzuholen und sie nochmal einnorden, wie man sich in Corona-Zeiten beim einkaufen verhält, oder ihnen nachbrüllen. Lieber bewege ich mich frei und beschwingt in Richtung Kühlregal, um Joghurt und Hefe zu kaufen. Keine Hefe mehr. Seltsam. Zwei Damen tänzeln angestrengt mit ihren Einkaufswagen hin und her, manövrieren etwas ungeschickt, weil ich auch noch im Weg und in der offenen Kühlschranktür stehe und ein anderer von links mit Wagen und Mundschutz gewappnet ankommt. Von hinten höre ich eine durchdringende, helle Kinderstimme rufen „Mama, ich brauche dein Handy, ich will die leeren Klopapierregale fotografieren!“ Ich hatte die Lage falsch eingeschätzt: Für meine Kinder ist es jetzt erst recht ein „Einkaufserlebnis“! Nico drückt sich ungeduldig zwischen dem undurchschaubaren Einkaufsverkehrschaos vorbei. Ich schaue ihn vorwurfsvoll an. So, dass es auch die anderen sehen und ich hier nicht öffentlich gelyncht werde von meinen rechtschaffenen und verantwortungsvollen Mitbürgern und Mitbürgerinnen. Schnell manövriere ich uns geduckt aus der unklaren Verkehrslage, die sich immer noch nicht geklärt hat, so abstandshaltend wie nur geht, heraus, Cristo kommt auf uns zu, grinst zynisch und meint, er hätte schon Seitenhiebe von einem Kunden bekommen. Dem spüre ich gleich auf und strafe ihn böser Blicke. Es war nicht einmal ein älterer Herr, der möglicher Weise Angst um sein Leben haben könnte, sondern ein aufgeräumter junger Mann mit gebügeltem Hemd. Das Essen einfach von der netten Nachbarschaft vor die Tür gestellt zu bekommen war weitaus angenehmer!

Dann kaufen wir doch noch ein. Nudeln darf man nur eine Packung pro Haushalt, Mehl auch, Nico meint scharfsinnig: „Die hätten wir gern mitgenommen, die Packung!“ Dafür bedienen wir uns großzügig an Eis. Als ich zahle, liegt neben dem Verkäufer eine Packung Küchenrolle. Cristo setzt eine dümmliche Mine auf, zeigt auf die (auch rationierte) Küchenrolle und tut so, als zöge es ihn unwiderstehlich zu ihr. Ich lache. Der junge Kassierer meint sachlich erklärend: „Ein Kunde wollte zwei mitnehmen. Man darf nur eine. Sie können sie haben.“ Cristo jubelt: „Küchenrolle!“, als hätte ich ihm neue Kopfhörer versprochen. Ich nehme sie amüsiert mit. „Man weiß ja nie, falls das Klopapier ausgeht!“, sage ich dem Kassierer…

Der erste Tag in Quarantäne-Freiheit hätte nach dem „Einkaufserlebnis“ noch schön werden können, wäre da nicht auch noch Cristos Zahnarzttermin gewesen. Es sollte „nur zur Kontrolle“ sein, weshalb ich ihn alleine losschickte. Mit bedrückter Mine schlurfte er auf mich zu und meinte er hätte noch etwas viel Schlimmeres als Corona. Ich schmunzle: „Karies, wetten?“ Cristo ist nicht mehr zum Scherzen zumute. „Ich mag den Zahnarzt nicht“, jammert er, „er meinte ich habe eine mega, mega, mega Karies!“. „Mega, mega, mega?“, frage ich ungläubig und hebe amüsiert die Augenbrauen, als ich mir den aufgeräumten, seriösen Zahnarzt mit seinen krassen Jugendsprachversuchen vorstelle: „Ey Alda, is‘ das ne fette Karies! N richtig fettes Ding!“ Aber gibt es da nicht ein Sprichwort „Zahnarzt bleib‘ bei deinen Bohrern“, oder so ähnlich?

„Ja, er nervt, er sagt immer alles drei Mal! Und außerdem müssen wir heute noch dringend zum Kieferorthopäden, die Drähte der Spange entfernen. Und morgen um 7 Uhr kriege ich gebohrt und danach können wir wieder zum Kieferorthopäden!“ In mir ist plötzlich Stille. Als hätte man beim Anschauen eines Filmes unangekündigt auf Pause gedrückt.

Freitag, der 3. April

Als der Wecker um 6 Uhr klingelt, bin ich völlig desorientiert. Pünktlich um 7 Uhr stehen wir verschlafen und Unheil ahnendes vor der akkuraten Praxis. Der Zahnarzt erklärt uns, dass er Cristo nur behandelt, weil er ein Herz für Katastrophenfälle wie unseren hat, eigentlich habe er ja Kurzarbeit und dürfe nur Kontrollen machen, aber bei einer so mega, mega, mega großen Karies… ich schmunzle innerlich… also wirklich. Als er während der ganzen Behandlung nicht aufhört, sich und uns mit seinen Katastrophenszenarien immer gleich dreifach nervös zu machen, möchte ich nur noch die Flucht ergreifen, mein offenmundiger, gequält dreinschauender Sohn auch. Als er dann erzählt, wie er das ganze Gebiss seiner Schwester sanieren musste, weil diese nach ihrem ersten Kind aufgehört hatte, sich die Zähne zu putzen (ich bin übrigens sprachlos, nie hätte ich so Abgründe in Zahnarztfamilien erwartet!) und dabei präzisiert, dass er es ja bei ihr nicht nur perfekt machen wollte, sondern dann wirklich „perfekt, perfekt, perfekt, perfekt, perfekt“, mache ich mir doch Sorgen um die seelische Balance unseres krisenstrapazierten Zahnarztes. Ich frage mich noch, ob man seine Vervielfachungen psycho-medizinisch besser Triolalie oder Megalolalie nennen sollte. Oder einfach nur Stressolalie?

Als später die Sonne scheint, lasse ich, wie wir es gerne machen, die Haustür sperrangelweit offen und gehe meinen üblichen Beschäftigungen nach. Plötzlich steht meine liebe Nachbarin in meinem Wohnzimmer: „Wie schön,“ sagt sie so herzlich, „dass bei euch die Tür wieder offen steht!“, dass ich wiederum nicht widerstehen kann, sie zu umarmen. Erst als sie wieder zu Hause ist, wird mir klar, dass ich ihr damit vielleicht Angst gemacht habe, schlimmer noch, sie vielleicht mit Restviren des Hauses angesteckt habe. Per Sprachnachricht entschuldige ich mich. Was für Zeiten sind das, in denen man sich für eine spontane, herzliche Umarmung entschuldigen muss! Ich merke auch hier wieder, dass die anderen in Sachen Abstandhalten eben doch zwei Wochen geübter sind als wir.

Samstag, 4. April

Rolf aß wieder mit uns, allerdings am anderen Ende unserer Tafel, wie ein Aussätziger. Er wartete geduldig auf das Ende seiner allerletzten Symptome, um danach nochmal zwei Tage zu warten, um dann wiederum einen Covid-19-Test machen zu können. Wir berichteten ihm von der Außenwelt. Nico ließen wir unter der Bedingung raus, nur mit einem Freund und auf Abstand zu spielen. Ich eroberte auch wieder vorsichtig die Straßen der Siedlung, als könne ich die neuen Regel ständig doch irgendwie verletzen. I do like rules, but rules don’t like me. Es ist bei mir mit den Regeln wie mit dem Chaos. Dabei fühle ich mich weder unverantwortlich noch anarchistisch, aber straffe Regelkorsetts stehen mir eben nicht. Wir können von Glück reden, dass es unseren Nachbarn genauso sehen. Ihr Sohn darf mit Nico Roller fahren. Wahrer Luxus für Kinder mit Freiheitsdrang. Auf dem Asphalt bunte Kreidestraßen, ein paar Gebäude, auf einem steht in Großbuchstaben SCHULE. Ein Schulweg „en miniature“ vor der Haustür. Ich lächle. Freue mich, in die Gesichter der Nachbarschaft zu schauen. Ein „Und, wie geht’s?“ hier, ein „Und, wie geht’s?“ da, man redet, dann die unscheinbare Frage: „Und ihr lasst also auch eure Kinder raus?“. Angesichts der Tatsache, dass mein Nachbar beim Skypen mit der Nachbarschaft erzählt hatte, er und seine Frau hätten eine „Ausgangssperre“ für ihre Kinder bestimmt und dafür Disney-Chanel abonniert, er das Rausgehen unverantwortlich finde unter intelligenten Menschen, rede ich schnell und unverbindlich an der Frage vorbei. Das Glatteis liegt vor mir. Meine Nachbarn sind mir wirklich wichtig. Corona darf nun nicht auch noch meine Beziehung zu ihnen bedrohen! Ich mache einen großen Bogen um das Glatteis, winke ihnen zum Abschied zu und vergesse ganz schnell diese Frage.

Montag, 6. April

Heute Morgen ereilt uns eine höchst positive und motivierende Nachricht von Dennis und Sonja: „Wir schenken euch unser Trampolin. Wir bekommen ein größeres.“ Partystimmung explodiert! Gutelauneschreie und Freudentänze! Ein Geschenk des Himmels. Nein, von Dennis und Sonja. Wir können unser Glück kaum fassen! Ich möchte sie am liebsten umarmen, was ich jetzt nicht einmal dürfte. Dafür hüpfe ich schon ohne Trampolin vor Vorfreude in der Küche. Ein alter Kindertraum wird wahr. Rolf hatte sich immer dagegen gewehrt, in der Annahme, unser Garten sei zu klein dafür (rein mathematisch gesehen ist er das jedoch nicht! Man muss eben nur nichts mehr anderes in seinem Garten tun wollen, als zu hüpfen und wer will das schon!), aber angesichts der Aussicht der beschränkten Beschäftigungsmöglichkeiten für die Kinder und unserer Entschlossenheit schluckt er wohlwollend alle Widerworte runter. Doch es kratzt ihn dabei im Hals. Oder waren das doch nur lästige Überbleibsel von Corona?

Die alten Matratzen, die wir für Nico im Garten notdürftig gestapelt hatten, damit er parallel zu Hanno hüpfen konnte, der auf seiner Terrasse auch ein Trampolin hatte, wurden weggeräumt und das Gestänge schnell zusammengesteckt, verschraubt und die Sprungmatte stramm gezogen. Fertig! Die Osterferien können beginnen!

Dienstag, 7. April

Zu Hause sein ohne Homeschooling fühlt sich schon beim Aufwachen besser an. Niemand wird geweckt, jeder wacht biorhythmusgerecht auf. Als Rolf die Treppen herunter kommt, hustet er nicht mehr. Es fällt gleich auf. Um sich testen zu lassen,muss er zwei Tage lang symptomfrei sein. „Lässt du dich heute in den Raumstation testen?“, fragt Cristo gespannt. Er geht. Cristo will sich mit Freunden treffen, was ich verstehe. Seine Eltern würden es erlauben. Die Quarantäne ist schließlich um. Ich erfahre, dass die Eltern des Freundes diesen samt seiner Schwester freiwillig in Quarantäne verwahrt haben, da er sich fünf Minuten in unserem Haus aufgehalten hatte. Entsetzen. Die armen Kinder!

Nachmittags ein dumpfes, rhythmisches Geräusch. Mein Mann hüpft mit geschlossen Beinen die Treppen hoch. „Der Osterhase ist aber dieses Jahr früh dran!“, wundere ich mich lachend. Es geht berauf mit ihm. Besser gesagt: Treppauf. Nico fasziniert das. Als er die für ihn als kleinen Bruder eines „Pubertiers“ verheißungsvollen Worte „Muskeln“ und „Proteine“ von seinem Vater hört, hüpft er dem löffellosen Osterhasen gleich hinterher. Das reicht ihm nach kurzer Zeit nicht. „Cristo, lass uns ein „workout“ machen!“. Dieser feixt etwas unsicher, doch nachdem er mit Druck und entsprechender Lautstärke bedrängt wird, macht er mit. Ich staune heimlich. Danach ist das Nico immer noch nicht genug. Von einem Youtuber, den sein Bruder hörte, hat er aufgeschnappt, dass irgendwer 180 Kniebeugen gemacht hat. Er will es ihm gleich tun. Ich wende ein, die Hälfte sei auch schon mehr als das Dreifache dessen, was ich schaffen würde, aber er hält auf die Zähne beißend durch.

Mittwoch, 8. April

Der Test ist positiv. Wir wollen es gar nicht glauben, stellen uns aber der Tatsache. Ist es das, was allgemein unter Resilienz verstanden wird? Wir dürfen raus, er nicht. Wir dürfen allerdings zusammen essen und sprechen? Darüber sagt das Gesundheitsamt glücklicher Weise nichts. Rolf sitzt noch immer mit einem großen „Sicherheitsabstand“ zu uns beim Essen. Wenn wir nicht schon lange durchseucht und immun sind, dann haben die ganzen Einschränkungen keinen Sinn. Denn das hieße, die Ansteckungsgefahr wäre sehr gering. Wir können doch nicht seine ganze Inkubationszeit gesund geblieben sein!

Nico wird in seiner „skype“-Klavierstunde von der Lehrerin lachend gelobt: „Das war wirklich gut, die Quarantäne ist optimal für das Erlernen eines Musikinstruments!“ Doch sie weiß noch nichts von unserem neuen Trampolin…

Ganz ehrlich freue ich mich selbst wie ein Honigkuchenpferd und immer wieder hüpfe fröhlich mit. Oben zu sein ist ein Stückchen Freiheit in dieser Korsettzeit. In der Luft zu schweben ist sekundenlanges Glücklichsein. Hochsein, einfach dasein. Die Sonne scheint schon spätfrühlingsheiß. Nico und sein Nachbarsfreund Jannis erfinden das Spiel der Saison: von Trampolin zu Trampolin (sie stehen beide direkt am Gartenzaun) werfen sie einander hüpfend einen Ball zu und zählen dabei, wie viele Male sie es schaffen, ohne dass er runter fällt, oder gar aus dem Trampolinbereich ins Aus. Der Name dieses Spiels scheint mir evident: „Corona-Trampolin-Ball“. Ein Heidenspaß!

Donnerstag, 9. April

Ostern rückt näher. Wohl allein zu viert werden wir feiern. Während ich „allein zu viert“ schreibe, zermürben mich Gewissensbisse. Wie kann man das nur denken, wenn man nur bedenkt, wie viele Menschen momentan tatsächlich allein einsam sind. Sei es meine Schwiegermutter. Ein sehr liebenswertes Mütterchen von 83 Jahren, das nicht gut zu Fuß ist. Ich mache mir Vorwürfe. Ich könnte häufiger telefonieren. Doch ich gehe Telefonaten ganz spontan häufig aus dem Weg.

An der Supermarkt-Kasse steht eine Corona-Bierkiste neben Klopapier und Mehl. Wird das Bier in Deutschland nun auch schon rationiert, weil die Deutschen es vorsorglich horten? Oder wird hierzulande Corona-Bier zensiert? Dabei hat gerade diese Brauerei anscheinend große Einbußen erleiden müssen, weil sie unglücklicher Weise ein Bier mit dem Namen eines tödlichen Virus braut, das es aber erst lange nach der berühmten mexikanischen Cerveza gab. Vielleicht dachten manche, die Brauerei braue es möglicher Weise mit dem Virus. Oder es werde von infizierten Mitarbeitern gebraut, die über den Braukesseln anstatt in ihre Ellenbeuge in das süffige Gebräu niesen.

Ehrenwerter Albert Einstein, es ist zwar ausdrücklich bedauernswert, aber ich denke so häufig an deine Worte: „Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.“ Hochachtungsvoll. Yokosandra

Freitag, 10. April

Den Kindern ist nicht nach Karfreitag. Das Trampolin quietscht fröhlich, das „Corona-Trampolin-Ball-Spiel“ begeistert uns alle. Ich sehe schon Corona-Trampolin-Ball-Weltmeisterschaften vor meinem inneren Auge. Nico, den täglich ein Hüttenkoller packte, schwebt jetzt die meiste Zeit glücklich über dem Sprungnetz. Mir fällt ein Stein vom Herz.

Samstag, 11. April

„Warum können wir nicht mit meiner Patin Ostern feiern?“, fragt Nico zum hundertsten Mal in Folge in penetrant quengelndem Ton, „Es ist blöd hier alleine!“. „Wegen Corona!“, antworten wir nacheinander, jeder darf mal, damit wir nicht durchdrehen und zwischen zwei Fragen ihm kein Panzertape auf den Mund kleben. „Die Tante Maria hustet seit zwei Wochen so schlimm und sie ist über 70.“, wir erklären uns den Mund fusselig. „Ja, aber dann hat sie ja eh schon Corona, dann ist es ja egaaal! Dann wird sie ja nicht angesteckt!“, nörgelt er weiter. „Papa ist eh noch positiv!“, versucht es Cristo. „Och Papa!“, Nico wirft ihm böse Blicke zu. Rolf grinst und hebt mit gespieltem schlechten Gewissen die Augenbrauen. „Aber warum gehen wir nicht?“, versucht es Nico unermüdlich. Er will den Hasen im großen Garten jagen. Cristo unterbricht besorgt den Quengelreigen: „Hat Tante Maria Corona?“. „Keiner weiß es, die Ärzte wollen ihr weder in den Rachen schauen noch sie testen lassen.“, ärgere ich mich. „Das kann es doch nicht sein!“ Rolf gibt zu bedenken, dass man eben Kontakt mit Infizierten haben muss, um sich testen zu lassen. Ich schlage mir gegen die Stirn: „Und wie weiß ich das, wenn ich einkaufen gehe?“ Diese Beschlüsse sind doch so wackelig und keine einzige der Maßnahmen außer Quarantäne bei Infizierung und für alle häufiges Händewaschen scheinen mir einer kritischen Hinterfragung Stand zu halten. Meine Tante ist in der Risikogruppe, hat zudem schon Atembeschwerden gehabt, fühlt sich krank, hustet die ganze Nacht und wird auf zweimaliges Nachhaken beim Landratsamt nicht getestet! Ich kann es kaum glauben, aber es ist so. Der zweite HNO empfiehlt ihr Hustensaft. Vielen Dank auch.

Ostersonntag, den 12. April

Der Osterhase hat glücklicherweise keine Angst, sich bei uns zu infizieren und versteckt die Eier trotzdem in unserem Garten. Auf ihn ist wenigstens noch Verlass. Die Sonne scheint, Rolf sieht aus, als müsse er sich ihr einfach nur etwas mehr aussetzen, sonst ist er wieder ganz der alte. Nur ausgeglichener. Entspannter. Ein Monat off. Das wirkt.

Wir feiern entspannt Ostern, etwas isoliert zwar, aber wir sehen das Frühlingslicht am Ende des Tunnels.

Dienstag, den 14. April

„So, heute lass ich mich wieder testen.“, verkündet Rolf und schwingt sich auf sein Fahrrad, die Freiheit auf zwei Rädern. Es muss sich anfühlen wie eine Wiedergeburt. Den Heimweg verlängert er etwas. Wer kann das nicht nachvollziehen? Diese Frage ist leider rhetorisch, denn unter unseren Mitbürgern gibt es einige, die mir mit ihren Ansichten immer fremder werden.

Rolf wartet geduldig auf sein Ergebnis, ich warte ungeduldig auf die „Verkündung“ der Ministerpräsidenten, ob wir am Montag nach den Ferien wieder in die Schule dürfen.

Mittwoch, den 15. April

Der Tag beginnt langsam. Corona-Zeit verlangsamt alles. Das Aufstehen, das Frühstücken, das Arbeiten, das Reagieren. Sogar die Schmutzwäsche darf länger liegen bleiben. Cristo nimmt die Sache seither selbst in die Hand und kümmert sich um seine und teilweise unsere Wäsche. Ich freue und frage mich, ob das ein eher gutes oder sehr schlechtes Zeichen ist in Sachen Familienleben, wenn mein 14-jähriger Sohn regelmäßig die Wäsche macht. Diese Frage stellt sich mir immer wieder. Dann räume ich sie beiseite (verwerfen klingt viel zu flapsig, es würde das Bild des Schmutzwäscheberges nur unnötig verstärken…) und wiederhole mir, dass es ein gutes Zeichen ist. Solange ich ihn nicht um 19h frage, was es am Abend zu Essen gibt, ist noch alles im grünen Bereich!

Rolf kommt, das Telefon in der Hand, die Treppe herunter. Er grinst sein Siegergrinsen: „So, Corona over!“ Wir jubeln. Als er wiederkommt, grinst er schon nicht mehr: „Hast du denen gesagt, dass ich Corona hatte?“ Verunsichert schaue ich ihn an. Wir mögen unseren Kioskbäcker, wir tauschen dort immer persönliche Freundlichkeiten aus und ich suche jedes Mal nach netten Smalltalkeinlagen. Corona fand ich eben aufregender als das Wetter… „Die waren nicht so erfreut, als sie mich sahen.“, klagt Rolf enttäuscht, „Die haben mich gefragt, ob ich mir sicher sei, dass ich es nicht mehr hätte.“

Beim Abendessen sitzt Rolf immer noch am anderen Ende der „Tafel“. „Wie lange willst du eigentlich noch da hinten essen?“, frage ich ihn irritiert. „Wir brauchen keinen Sicherheitsabstand mehr.“ Er sieht aus, als würde er selbst noch nicht ganz daran glauben, traut sich dann aber doch zu uns. So sehe ich ihn mir auch wieder genauer an: „Rolf, also, bevor du wieder unter die Menschen gehst, sollte ich dir doch die Haare schneiden und du dich rasieren. Kein Wunder, dass der Kioskbesitzer Angst vor dir bekommen hat!“

Donnerstag, den 16. April

Es ist so schön, dass wir alle wieder frei sind! Die Sonne scheint und ab heute haben sogar die Eisdielen wieder auf! Dieses gesellschaftliche Event können wir uns nicht entgehen lassen. Mango und Joghurt, Cookie und Pistazie, Himbeere und Holunder-Joghurt, Cookie und Vanille!

Das Schöne ist, wir sind nicht nur frei, wie fühlen uns sogar so! Wir könnten sogar die Welt erobern, wenn die Grenzen nicht geschlossen wären! Cristo und Nico sagen immer wieder, wie gerne sie ins Elsass zu ihrer Oma würden, wie sie sie vermissen. Ich bin das Produkt einer deutsch-französischen Städtepartnerschaft, in Straßburg habe ich in den 90er Jahren intensiv den europäischen Geist geatmet und gelebt. Sich europäisch-international kennen- und schätzen zu lernen, sich die Hand reichen und immer die kulturelle Vielfalt zu feiern ist meine ursprüngliche Prägung. Alles andere als Offenheit und Toleranz verachte und ächte ich. Zum ersten Mal in meinem Leben erlebe ich, dass ich NICHT in meine andere Heimat kann. Ich muss in meiner einen Heimat bleiben. Ich denke an all die Menschen, von denen die Zeitung erzählt, die nicht in ihre Heimat zurück können. Natürlich gibt es zahlreiche und viel dramatischere Gründe dafür als meiner, aber nun bin ich eine von ihnen. Es ist ein Gefühl von „wir“, aber ohne dich. Es ist ein Gefühl von ich, fern von euch. Ein Gefühl von „das kann nicht wahr sein“ und vor allem von „das DARF nicht wahr sein.“ Sowie das Virus keine Grenzen kennt, kennt Freundschaft auch keine. Meine Lunge fühlt sich an wie gequetscht.

Cristo telefoniert mit meiner Mutter, will ihr die Einkaufsbestellungen beim Supermarkt-drive-Service machen. Es ist – wie alles mit Corona – kompliziert. Man kann nur größere Mengen kaufen, meine Mutter lebt jedoch allein. „Aber ich will mein Obst und Gemüse aussuchen können!“, klagt sie, wohlwissend, dass es nichts bringt. „Cristo, ich brauche eine Packung Linsen. Aber bio. Und die günstigsten.“, fordert die französische Oma. „Blöde Kombi! Gibt’s nicht. Die günstigsten Linsen gibt es eh nur im Dreierpack.“, informiert sie Cristo, „und dann sind sie teurer als die teuren bio-Linsen. Und die Eier, die du wolltest, gibt es auch nicht.“ Nach einer Stunde hin und her sind sie fertig und wollen mit dem virtuellen Warenkorb zur Kasse, wo man erfährt, dass es momentan wegen zu hoher Nachfrage keine Liefertermine gibt. Wir seufzen und fluchen. Ich mache mir Sorgen: „Wie lange kannst du mit deinen Vorräten denn überleben, Maman?“ Sie lacht: „Ach mach dir keinen Kopf, rund um die Hüften habe ich noch genügend Vorräte!“

Freitag, den 17. April

Cristo steht schon um 9h auf, um zu versuchen, die Bestellung der Lebensmittel für seine Oma abzuschließen. Es klappt. Sie kann ihre Einkäufe in einer Woche abholen! Ich schüttle den Kopf und rufe sie wieder an. Meine Mutter reagiert entspannt. Sie habe noch grüne Linsen, Reis und Nudeln. Aha, sage ich mir und hebe die Augenbrauen. Innerlich brodele ich, vor allem bei dem Gedanken, dass die Grenzen geschlossen sind und ich im Ernstfall nicht einfach kurz „rüber“ kann. Um den Kopf zu entspannen, schaue ich in meinen Reihenhausgärtchen, das immer grüner wird. Ich spüre jetzt, wie sich mein Haus in den letzten Tagen schon unbemerkt von dem der Nachbarn abgelöst hat. Heidelbergs Stadtgrenze haben scheinen wir auch überschritten zu haben. Die Stadt ist weit weg. Wir rücken allmählich in die Landschaft. Durchatmen.

Samstag, den 18. April

Die bunten und ineinander gleitenden Bilder meines Schlafes werden plötzlich durch ein metallisches, lautes und halbwegs rhythmisches Geklapper gestört. Ich versuche die bunten, sanften Bilder in meinem Kopf zu retten, indem ich versuche mich nochmal eng an sie heranzuschmiegen. Das laute, metallische Klappern ist zu nah. Die Stimmen auch. Moment! Laut? Nah? Stimmen? Häh?! Bitte nicht! – Ich torkle schlaftrunken zum Fenster, blinzle. Ein Gerüstbauwagen steht vor unserem Haus und vier Männer hantieren eilig und zielstrebig mit Gerüstteilen um sich. Ich seufze und schaue auf die Uhr: 8h04. Vor einer Woche kam der rumänische Malermeister vorbei und wir haben uns auf halbdeutsch-halbhände über die Renovierung der Fassade unterhalten. Von einem Datum haben wir meines Wissens kein Wort gesagt. Erst recht nicht von einer Uhrzeit. Irgendwie finde ich es – auch wenn ich mich auf das Ergebnis der Renovierung freue – empörend, dass man einem, ohne kurz „Guten Morgen“ zu sagen, einfach ein Gerüst ans Haus stellt. Es ist, als hätte mir ein fremder Mann ohne Vorwarnung und von hinten die Wirbelsäule entlang von oben nach unten gestreichelt und mir danach noch siegessicher ins Gesicht gegrinst.

Es klappert stundenlang weiter. Die vier Männer wuseln um mein in die Landschaft abgedriftetes Haus. Gemütlich zu frühstücken kommt mir fast höhnisch vor, während vier andere rund um mich herum schuften. Mich hinsetzen und etwas Konzentriertes tun kann ich nicht, weil es dazu zu laut ist und weil ich mich irgendwie dabei beobachtet fühle. Irgendwann bemerke ich, dass die Männer keinen Mundschutz tragen. Ist es ihnen schlichtweg zu blöd? Oder haben sie keinen von ihrem Arbeitgeber bekommen? Es klingelt. Die Männer müssen auf die Toilette. Ich muss innerlich lachen. 1000 und einer Bestimmung müssen wir folgen und jeder Kontakt wird kompliziert, bis dann die Malerarbeiter kommen und einem der Coronawahn lachhaft und überflüssig vorkommt. Ohne Mundschutz gehen sie in unser Haus, einer nach dem anderen, wir werden zu einem öffentlichen Raum. Ich überlege, wie diverse Nachbarn darauf reagieren würden. Manch einer würde ihnen bestimmt ein Dixi-Klo vors Haus stellen oder einen Pott.

Aber das schlimmste ist, dass unserem Haus auch noch ein Mund- und Atemschutz verpasst wird. Ich halte die Luft an. Jede gläserne Öffnung unseres Hauses wird mit einer Plastikfolie überdeckt, um sie vor Farbspritzern zu schützen! Gerade jetzt, wo man so viel innen ist, werden wir hermetisch eingeschlagen! Coronaschutz selbst für unser Haus. Jetzt können wir nicht einmal in den Garten schauen.

Sonntag, der 19. April

Die Malerarbeiter haben alles so gut abgeklebt, dass wir nicht nur statt des Gartens nur eine gräuliche, im Wind flackernde Plastikplane sehen, sondern ihn auch nicht mehr betreten können. Ich öffne die Schiebetür, hole mir ein spitzes Messer und steche in die Plane und ziehe sie hinunter und steige durch den Hausmundschutz. Tiefes Einatmen. Sauerstoff! Leben.

Montag, 20. April

Um 8h klappert es wieder metallisch, Männerstimmen im ständigen Ausrufezeichenton wecken uns. Homeschooling beginnt wieder. Zwanzig Blätter ausdrucken. Den Überblick und die Nerven bewahren. Die Französischlehrerin hat alles per Mail zugesendet. Ein ordentliche Portion Arbeit für einen Zweitklässler. Ich frage mich, wie wir das schaffen sollen. Dann kommen noch die Aufgaben von der Deutschlehrerin. Da ist es auch nicht wenig. Ich bin sehr genervt von den verschiedenen Plattformen und Darstellung der Arbeitsaufträge von den zwei Klassenlehrerinnen: Die eine schickt zwischen 5 und 10 Arbeitsblätter per Mail, teilweise sind die Arbeitsaufträge in Schriftgröße 11 und die Arbeitsblätter sehr voll und für einen Zweitklässler unübersichtlich, sodass er unmöglich damit allein klar kommt, dafür ist ihr Wochenplan richtig klar und strukturiert; die andere dagegen hat auf googleclassroom, das eigentlich als Gruppierung und Strukturierung der Aufgaben dienen soll, drei „classrooms“ eröffnet, einen für Deutsch, Mathe und Sachkunde, aber der Wochenplan, der auszudrucken ist, betrifft NUR das Fach Deutsch. Die anderen Fächer sind irgendwie nach Belieben einteilbar. Dagegen teilen sich meine Kollegin und ich für eine vierte Klasse EINEN „classroom“, in denen wir die Fächer Deutsch, Französisch, Geometrie, Arithmetik, Sachkunde, Kunst, Musik und Geschichte gruppieren. Das Ordnen und die Einteilung der Arbeit meines Zweitklässlers, die Umständlichkeit, der ich mich beugen muss, bringt mich schier zur Verzweiflung. Ich muss auch daran denken, dass ich am Mittwoch nochmal nach Arbeitsblättern schaue, da das Arbeitspensum in zwei Schüben kommt. Eine Mutter einer meiner Schüler hat drei Söhne in der Grundschule: 4., 3. und 2. Klasse. Ein Glück ist ihr Viertklässler sehr selbstständig, gewissenhaft und übermäßig gründlich, sonst könnte sie sich allein für das Homeschooling ihrer Kinder Urlaub nehmen. Ich muss jeden Montag an sie denken…

Cristo macht um 10h Homeschoolingtelefonkonferenz mit „House Party“ mit seinen Kumpels. Der Name der App scheint Programm zu sein. Er lacht alle fünf Minuten herzhaft und laut. Lernt er wirklich etwas?! Um 11h30 hüpfelt er fröhlich die Treppen hinunter und verkündet gut gelaunt, er sei fertig und wolle jetzt etwas schauen. Fragen kost‘ ja bekanntlich nix… Nico brütet derweil angestrengt und schimpfend über seinen Aufgaben. Zäh ist es, das Lernen! In einer Mail erfahren wir, dass er jetzt zwei Videokonferenz-Schultermine die Woche haben wird. Einen mit der Deutschlehrerin in kleinen Gruppen, einen mit der Französischlehrerin. Auch Cristo meint, er habe nun mehr Online-Unterricht. Immerhin… denn bisher hat er nicht ein Fünftel des regulären Arbeitspensums bewältigen müssen. Ich wage nicht zu ahnen, wie das in der nächsten Klasse… Die Lehrer werden einen Spagat zwischen Wissensstand und Bildungsplan von anderthalb Klassen machen müssen. Welch ein Spaaaß! Auch mich, als Grundschullehrerin wird dasselbe erwarten.

Dienstag, den 21. April

Gerade jetzt, da auch unser Haus einen Mundschutz trägt, ist es sehr windig und die Plastikfolien rauschen uns den ganzen Tag in den Ohren. Wir sitzen im Plastikgrau und warten auf den Frühling. Das Haus rückt weiter ab. Ich spüre es mit jedem Rauschen.

Mittwoch, den 22. April

Nico verzweifelt beim Lernen. Er brüllt: „Ich verstehe nichts!“. Seine ungnädige Mutter verweigert dennoch standhaft das Vorkauen und Vorverdauen sämtlicher Aufgaben. Seine ungnädige und dezibelstrapazierte Mutter bleibt tatsächlich hart und der Meinung, er könne das verstehen. „Huhuhu! Ich verstehe aber nichts!“, brüllt er wieder „ich habe sogar schon die Aufgabe gelesen!“. Das verbuche ich als ersten Fortschritt. Ich übe mich im Feiern meiner Erfolge, seien sie noch so gering. Und platze trotzdem: „Dann lies sie gefälligst ein zweites Mal, zum Kuckuck!“. Nach einer gefühlten Viertelstunde ohrenbetäubendes Geschreis und blanken Nerven beiderseits tut er es. Und versteht prompt. Welch ein Kampf! Ist er es wirklich wert? Warum gehe ich diesen Weg? Ich würde am liebsten das Weite suchen und mein plastikverpacktes Haus eine Woche so stehen lassen. Samt Inhalt.

Die Frage des Erklärens ist eine pädagogische und für mich nicht ohne Weiteres lösbar. Bleibe ich immer an seiner Seite und erkläre ihm bei der ersten Frage alles, bleibt Wichtiges auf der Strecke: das eigene, aktive Nachdenken und der Glaube daran, dass er es aus eigener Kraft schaffen kann. Und beides ist für mich für seine Erziehung so unverzichtbar, wie Liebe und Sauerstoff. Aus diesem Grund bleibe ich unbeugbar. Ich erkläre, wenn ich genau sehe, dass er NACH dem Nachdenken einen falschen Weg eingeschlagen hat, aufgrund einer falschen Schlussfolgerung. Da mein Kind zum Perfektionismus neigt und Fehler für es sehr unangenehm sind, möchte es sie gar nicht erst machen. Nico sucht nach dem sichersten Weg. Der ist seine allzeit verfügbare und gutmütige Mama. Hofft er. Und ist sehr zornig, wenn seine Hoffnung jedes Mal aufs Neue enttäuscht wird. Er will erst probieren, wenn er sich sicher ist. Meine Meinung ist, dass es im Nachhinein kein Probieren mehr ist. Und das Kind muss als Schüler und Mensch durch suchen und probieren lernen. Nicht durch anlehnen und nachplappern. Beides ist gefährlich.

Natürlich ist Nico nicht in allen Bereichen so, er kann sogar extrem mutig sein und uns alle in Staunen versetzen. Und weil ich genau das weiß, werde ich weiterhin warten, dass er probiert haben wird, bevor ich ihn auf die Antworten hebe. Nur so wird er über sich hinauswachsen können. Nur so kann ich ihm beweisen, dass ich an ihn und sein Können glaube. Das ist meine Überzeugung. Deshalb tue ich mir das an… in der Hoffnung, dass er im Nachhinein meine Beweggründe verstehen wird.

Donnerstag, den 23. April

Der Plastikvorhang wirkt psycho-toxisch. Wir können kaum lüften. Der Frühling macht gerade ohne uns weiter. Wir gehen raus, wann wir können. Aber das Gefühl, hermetisch verpackt zu sein, ist erstickend.

Als einer der Malerarbeiter versteht, dass wir zu Hause französisch sprechen, können wir uns plötzlich unterhalten. Er hat acht Monate in Nizza gearbeitet. Seit das klar war, riefen sich die Malerarbeiter (die sich gar nicht sprachlich verständigen konnten, weil ihnen die gemeinsame Sprache fehlte…) untereinander nur noch „Oui monsieur!“ zu. Das trug irgendwie zu einer unerhofft aufgelockerten Stimmung bei.

Freitag, 24. April

„Mama, heute ist schon Freitag! Sag mal, ich glaube ich habe heute noch kein einziges Mal herumgezetert, oder?“, fragt mich Nico gut gelaunt eine Stunde nach dem Aufstehen. „Oh ja, tatsächlich! Heute scheint ein guter Tag zu sein.“, antworte ich lobend und schmunzelnd zugleich. Er schaut mich an und überprüft kritisch meinen Gesichtsausdruck: „War das ernst oder ironisch?“ „Irgend etwas in der Mitte, mein Großer!“, antworte ich. „Wie jetzt?“, bohrt Nico genervt nach und die Leichtigkeit ist schon wieder verflogen, so leicht war sie…

Außer, dass heute Freitag ist, gibt es außerdem eine andere gute Neuigkeit für uns. Unsere Plastikverpackung kommt weg! Was ist das für ein buntes Leben da draußen, wenn man plötzlich wieder durch durchsichtige Fenster schaut! Einfach zum Aufatmen!

Samstag, den 25. April

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